Abert Wenzel
Musikantenblut

Dem deutschen Leserkreis ist der Verlag Vitalis längst als Garant für erstklassige Bohemica bekannt. Und zwar nicht nur für bibliophile Kostbarkeiten, sorgfältiges Lektorat und ästhetisch ansprechende Gestaltung. Vor allem auch das Programm besticht. Was der Verlag da Jahr für Jahr herausbringt, zeugt von höchster Qualität, gerade auch dort, wo er von den üblichen Trampelpfaden seiner Branche abweicht und auf eigene, ja mitunter höchst eigenwillige und riskante Entdeckungsfahrt geht. Mit der Veröffentlichung der Lebenserinnerungen des späteren Hofmusikers Wenzel Abert (1842-1915) ist ihm nun solch ein weiterer Volltreffer gelungen.
Ihr (vom Autor selbst festgeschriebener) Titel „Musikantenblut“ trifft die Sache freilich nur halb, bringt das Buch doch nur jenen ersten Teil einer Vita, in der es dem Buben zunächst gerade versagt ist, seine viel versprechenden musikalischen Veranlagungen dann auch am Prager Konservatorium weiter ausbilden zu können. Ja, es macht gerade die Tragik dieser Biographie, dass dieser Traum einer Musikerkarriere am Konkurs des Vaters zerplatzt, was den Jungen erst mal zwingt, eine Lehre aufzunehmen. Da ihm Seifensiederhandwerk schon nach kurzem Schnuppern nicht zusagt, bildet er sich zum Schlossergesellen aus. Die Erlebnisse und Abenteuer der darauf folgenden Walz, die er zunächst zusammen mit seinem Bruder Johann antritt, machen so den eigentlichen Plot der Geschichte. Dass er sich dabei so nebenbei auch als Musikant sein Zubrot verdienen kann und ihm gerade die Musik viele Türen und Herzen öffnet, bildet dagegen nur die Hintergrundmusik. Es sind also nur die Lehrjahre Wenzel Aberts, die uns vorgeführt werden, die Meisterjahre fehlen.
Aber genau das macht die Geschichte so spannend und interessant. Biographien von Musikern und Hofmusikern eines reflexions- und artikulationsmächtigen Bildungsbürgertums haben wir doch schon zum Schweinefüttern. Geschichten überdie Lehrjahre von Handwerkern, und zwar auch zutiefst am eigenen Leib erlebte, sind dünn gesät. Ich hege den Verdacht, dass Abert das selber in seiner speziellen Signifikanz gar nicht so recht klar geworden war: Nicht primär die Musik, vielmehr die Erfahrungen, die er da auf der Walz macht, sind die Sterntaler um Sterntaler einer Sozial- und Mentalitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts, die ihresgleichen in der deutschen Literatur suchen. Es war die eigene Fixierung auf die Erfolgsstory seiner musikalischen Laufbahn, die ihn das nicht hatte sehen lassen.
Schauplatz der Geschichte ist in der Hauptsache das alte Österreich und Böhmen. Die Navigatio vitae nimmt ihren Ausgangspunkt im deutschböhmischen Gastorf, wobei uns Elternhaus wie Dorf vielfach mit rechten Lausbubengeschichten gespicktvorgeführt werden. Die mich ergreifendste die folgenreiche, wo der junge Wenzel sich die mit Hilfe des Prozessions-Kreuzes die Äpfel vom Baum des Nachbarn holt – und ihm dabei der Herrgott in den Ästen hängen bleibt. Nicht weniger packend aber auch die Schilderung der 48-er Revolution, die sich, so karg sie ausfällt, durchaus mit Szenen in Nestroys Freiheit in Krähwinkel messen könnte.
Aberts Walz führt dann über Prag, Iglau, das vorgründerzeitliche, also noch befestigte Wien über einen alles andere denn idyllischen Fußweg über den Semmering in die Steiermark, und von dort über Salzburg nach Darmstadt, wo ihn der Zwang zur Musterung nach Hause treibt. Nun, hier erfüllt sich eben das Sprichwort: „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Aber es sind zuviele der Geschichten, die hier wiederzugeben wären. Ich überlasse die Verkostung dem Leser und verspreche – es lohnt sich!
Die, nach einer Zäsur von nahezu fünfzig Jahren, etwas angeklebt wirkende Sozialistenschelte eines eben zu Ansehen gekommen Kleinbürgers und Hofmusikers bildet den Abschluss des Buches. Dass die eigentliche musikalische Karriere zum Hofmusikanten einem zweiten Band vorbehalten sein sollte, was die schon angesprochene Titelgebung erklärt, wird daraus klar.
Musikantenblut ist rein literarisch gesehen kein Meisterwerk, ja wirkt an vielen Stellen geradezu ungeschickt. Die Autobiographie trägt vielfach immer noch die Handschrift eines Schlossergesellen, auch wenn dieser später zum Hofmusikusavancieren wird. Die schweren Pratzen des Schreibers können sich schwer an die Feder gewöhnen. Aber gerade das macht diese Lebenserinnerungen wiederum so authentisch und verleiht ihnen ihren eigenen, einzigartigen Schriftzug. Es gibt eine Unzahl von Formulierungen darin, denen gerade ihre liebenswürdig ungesuchte Unbeholfenheit einen ganz besonderen und unverwechselbaren Reiz verleihen.

Univ.-Doz. Dr. Georg Gimpl , Dezember 2004