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Georg Gimpl
Weil der Boden selbst hier brennt
Philosophieren und Teigrühren.
Eines Philosophen Blick in die Verhältnisse des deutsch-jüdischen
Prag
Der Prager Vitalis-Verlag hat in Sachen Prag und Böhmische Länder
einmal mehr Bedeutendes veröffentlicht. Mit Georg Gimpls Quellenpublikation
"Weil der Boden selbst hier brennt" innerhalb der Wissenschaftsreihe
Vitalis Scientia wird eine Lücke gefüllt, oder besser eine Schlucht
überbrückt, über die sich Jahrzehnte ein fragiler und schwankender
Steg spannte: Die Zahl jener von einander abschreibenden Kafkaforscher,
die unreflektiert jenen literarischen Salon der Apothekersgattin Berta
Fanta in ihren Werken aufblitzen ließen, ohne auch nur eine über
das Hörensagen hinaus gehende Ahnung von den Verhältnissen zu
haben, ist Legende.
Gimpls Buch belehrt sie alle eines Besseren oder exakter Richtigeren.
War war diese in den primären und sekundären Kafkaschriften
immer wieder auftauchende Figur Berta Fanta? Was hat man sich unter dem
ominösen Begriff "Salon der Berta Fanta" vorzustellen?Welche
geheiligten Dinge spielten sich da ab, wenn Größen wie Franz
Kafka, Max Brod oder Albert Einstein in das Haus des Apothekers Fanta
kamen, um den halböffentlichen Abenden der Gemahlin Berta beizuwohnen?
Gimpl weiß nur zu gut, daß er diese Fragen nicht beantworten
kann, ohne dem gegenwärtigen Leser die Verhältnisse von anno
dazumal erläutern, liegen sie auch nur ein etwas länger währendes
Menschenleben zurück. Alles ward in der Zwischenzeit vernichtet:
Das deutsch-jüdische Prag, in dem sich das Leben der Familie abspielte,
das bürgerliche Zeitalter, das den Verhältnissen zugrunde lag,
das zur Moderne hin sich wandelnde altösterreichische Prag, das den
Akteuren vor Augen stand und dem Geschehen ein ganz charakteristisches
Kolorit verlieh.
Ausführlich läßt sich der in Helsinki als Dozent für
Philosophiegeschichte wirkende Autor auf die einzelnen Persönlichkeiten
ein, die auf diese oder jene Art zum Kosmos des Hauses Fanta gehörten:
Hugo Bergmann und Emil Utitz, Rudolf Steiner und August Sauer, Hugo Salus
und Angelo Neumann und all die vielen anderen, denen Gimpl die Honneur
macht. In einem umfassenden Personenregister können sich Leser, denen
die eine oder andere Person entfallen ist, einlesen in das Who ist who
des verblichenen deutschen Prag. Gimpl würde seiner ureigentlichen
universitären Ausrichtung nicht gerecht werden, würde er nicht
auch jene Zeitgenossen ins Blickfeld rücken, die von der Prager Universität
(und nicht selten auch vom Hause Fanta) aus, ihren bedeutenden Beitrag
zur österreichischen und europäischen Philosphie leisteten:
Christian von Ehrenfels, Alfred Kastil, Oskar Kraus, Anton Marty et tutti
quanti.
Und immer wieder Berta Fanta - eine Frau, die sich in der von Männern
dominierten Welt jener Zeit, erstaunlich wendig bewegt. Eine Frau, die
in Haus und Gesellschaft das Regiment, und in stillen Stunden ein Tagebuch
führt, eine Frau, die sich mit den Strömungen des geistigen
Lebens auseinandersetzt wie wenige ihrer Zeitgenossinnen und die der Tod
dennoch trivial-absurd beim Teigrühren ereilt.
Gimpl hat für sein Buch wichtige, zum größten Teil bis
jetzt unveröffentlichte und auch unzugängliche Quellen gesucht
und auf seinen Forschungsreisen zwischen Wien, Prag, Jerusalem und New
York auch gefunden, allem voran das Tagebuch der Berta Fanta. Einzigartiges
Bildmaterial dokumentiert das Gesagte, und bringt uns die Belle Epoque
nahe.
Wer sich in Zukunft mit Prag und seinen geistigen Wurzeln auseinandersetzt,
wird an dieser Sektion des Kreises um Berta Fanta nicht umhinkommen. Kafkaautoren
werden ihre Bücher nun an den einschlägigen Stellen korrigieren
müssen, und die verantwortlichen Behörden sollten nicht zögern,
die dümmlichen, völlig unrichtigen, dafür aber aufwendig
in Metall getriebenen Touristeninformationen vom Hause Fanta am Altstädter
Ring zu entfernen. Bei der Gelegenheit sollten sie dann auch gleich überlegen,
ob man neben Tschechisch nicht vielleicht auch eine deutsche und möglichst
auch eine hebräische Erläuterung anbringen könnte.
"Prager Nachrichten, Januar/Februar 2002

Bislang hatte in der Forschung der Salon der Prager Apothekersgattin
Berta Fanta hauptsächlich für die Biographien in ihm verkehrender
berühmter Persönlichkeiten wie Franz Kafka, Max Brod, Franz
Werfel, Rudolf Steiner, Albert Einstein und anderer herhalten müssen.
Hier nun rückt der aus dem Salzburgischen stammende Germanistik-
und Philosophieprofessor Georg Gimpl diejenige Frau in den Mittelpunkt,
die den Salon führte: die dem Prager deutschjüdischen Großbürgertum
entstammende Berta Fanta.
Ihre von ihm ans Licht gebrachten und aufbereiteten Tagebuchaufzeichnungen
von 18651918, ergänzt durch Texte u. a. von Max Brod, einer
umfassenden Einführung des Autors und einem Nachwort von Harald Salfellner,
zeichnen ein eindringliches Bild vom bürgerlichen Prag in den letzten
Jahrzehnten Österreich-Ungarns, vom Verwobensein der Kulturen in
dieser Stadt, die heute zwar nur mehr Erinnerung sind, aber dennoch Beispiel
geben können.
"Nachrichten der Sudetendeutschen in Baden-Württemberg",
am 15. März 2002

Eigentlich auf der Suche nach den Spuren des Philosophen
Friedrich Jodl, der 1885 bis 1896 in Prag als Ordinarius der Deutschen
Universität tätig war, begann sich der in Finnland lebende Germanist
und Philosoph Georg Gimpl mehr und mehr für die deutschjüdische
Kultur in Prag zu Beginn des letzten Jahrhunderts zu interessieren. Zum
Kristallisationspunkt wurden ihm dabei die Apothekersgattin Berta Fanta,
ihre Tochter Else Bergmann und vor allem ihr Schwiegersohn, der Philosoph
Hugo Bergmann, über dessen Positionen und seine Verankerung in den
Prager Philosophenkreisen der Autor für nicht Philosophen vielleicht
etwas zu ausführlich Bericht gibt.
"Sie habe einen Salon geführt, so raunte man sich von einer
Kafkapublikation zur nächsten zu", resümiert der Verleger
Harald Salfellner in seinem originellen Nachwort die Forschungslage zu
Berta Fanta. Das begann sich allerdings in den letzten Jahren zu ändern,
Auszüge aus Berta Fantas Tagebuch aus den Jahren 1900 bis 1904 wurden
wiederholt publiziert. Der vorliegende Band präsentiert erstmals
die vollständigen Aufzeichnungen jener Frau, die mit ihren menschlichen
wie intellektuellen Qualitäten eine Art Kristllisationspunkt des
Interaktionsfeldes darstellt, in dem sich das produktive Prager Milieu
entwickelte. Albert Einstein und Fritz Mauthner gehören ebenso zum
unmittelbaren Umfeld wie jene, die ihren Salon frequentierten, Rudolf
Steiner, Max Brod, Franz Werfel und wenn auch eher am Rande -
Franz Kafka, Schulkollege und Jugendfeund Hugo Bergmanns. Trotz Berta
Fantas großer Dezenz und Zurückhaltung wird in ihren Aufzeichnungen
der Kampf um intellektuelle Entfaltungsmöglichkeiten im Spannungsfeld
der mannigfaltigen Rollenkonflikte spürbar. Scheinbar humorvolle
Nebensätze etwa wenn der Gatte sich weigert, mit ihr im Reformkleid
auszugehen können überraschende Einblicke in die Beengtheit
ihrer Lebensverhältnisse geben, aus denen sie wohl nicht ganz erfolgreich
auszubrechen versuchte. Das Instrument der Salon-Kultur enthält immer
auch die tragische Dimension verweigerter Verwirklichungsmöglichkeiten
für intellektuelle Frauen, zu Lebzeiten Berta Fantas haftet ihm zudem
schon etwas Antiquiertes an.
Gespiegelt werden Berta Fantas Aufzeichnungen in der "Familiengeschichte",
die ihre Tochter Else Bergmann mit nostalgischem Blick zurück im
Exil in Palästina verfaßte. Es ist der verzweifelte Versuch,
sich die verlorene Heimat und die gewaltsam zerschnittenen Wurzeln schreibend
zurückzuerobern. Und so sollte die "Familiengeschichte"
wohl auch als kulturgeschichtliches Dokument gelesen werden und nicht
ungeprüft als verlässlicher Tatsachenbericht. Informationen
zur Überprüfung der Fakten gibt Georg Gimpl mit ausführlichen
Lebensporträts zu Berta Fanta, den Kindern Otto und Else Bergmann
und vor allem zum Schwiegersohn Hugo Bergmann. Nur am Rande sichtbar werden
dabei jene skandalträchtigen "Scheinlösungen" (Max
Brod), mit denen sich die Familie zuweilen zufrieden gab. Durch diese
große Diskretion ensteht ein seriöses Familienporträt,
das zugleich als Porträt einer untergegangenen, für die Literaturgeschichte
äußerst produktiven Epoche lesbar ist.
Evelyne Polt-Heinzl im "Buchmagazin" des
Wiener Literaturhauses, am 18. März 2002
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