Meinung der Presse

Herma Kennel
Die Welt im Frühling verlassen


Susanne Habel, Sudetendeutsche Zeitung, 29.02.2008

 


Tschechischer Widerstand

Die Debatten darüber, wie die Geschichte des Nationalsozialismus in fiktionaler Form aufbereitet werden kann, zeigen die Komplexität eines Sujets. Wer nicht als Zeitzeuge zu berichten hat, steht leicht im Geruch, die Abgründe erzählerisch zu überhöhen. Dass es dennoch Romane gibt, die für die Zeit bis 1945 einen ästhetisch höchst passablen Weg finden, beweist ein Buch der deutschen Politikwissenschafterin Herma Kennel . «Die Welt im Frühling verlassen» erzählt von einer tschechischen Widerstandsgruppe des Jahres 1944, die im Protektorat Böhmen und Mähren gegen eine übermächtige SS und gegen die Staatspolizei kämpft. Das Buch ist das Ergebnis intensiver Recherchen in tschechischen und deutschen Archiven. Gespräche mit noch lebenden Beteiligten haben dieses Material ergänzt. Es ist eine Geschichte der Geschichte, aber keine Episode. Das Ende des versuchten Aufbegehrens ist tragisch. Ins Visier der Gestapo gerät die schlecht ausgerüstete Truppe von Idealisten. Verzweifelt ist der Kampf der Partisanen, den Herma Kennel in einer lapidaren Sprache schildert. Topografisch und historisch bis ins Detail genau, hebt sich die Erzählung weit ab von dem, was ein «Roman» gemeinhin ist. «Die Welt im Frühling verlassen» ist ein unsentimentales, eindringliches Dokument.

Jdl., Neue Zürcher Zeitung, 05.04.2008


 
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