Rokyta, Hugo
Handbuch der Böhmischen Länder (Prag, Böhmen, Mähren)

Brücke über die Zeiten
Erlebte Stadt: Hugo Rokyta führt durch Prag. So Gott will, werde es ihm gelingen, auch noch den zweiten und dritten Band dieses Handbuches der Denkmäler und Gedenkstätten, die Böhmen, Mähren und Schlesien behandeln sollen, dem Publikum vorzulegen, seufzt einmal der betagte Autor.

Der erste Band ist geglückt, sodaß der Leser beim Durchblättern, Hängenbleiben im Text, Vergleichen von einst und heute, sich lebhaft diesem Wunsch anschließt. Wer möchte nicht auch überallhin so geführt, begleitet zu lebendiger Erinnerung angehalten werden? Denn darüber springen erst jene Türen und Schlösser auf, die unter Massentourismus und Drei-Sterne-Sehenswürdigkeiten oft mehr von dem verschließen, als sie aus Natur, Geschichte und Kunst zu reden wüßten.

Der deutsche Prager Buchverlag Vitalis hat sich mit diesem Unternehmen einem kühnen, aber würdigen Ziel verschrieben und dazu einen kundigen, ja idealen Autor gefunden. Rokytas Lebens- und Bildungsgeschichte ist selbst Beleg dafür: Parlamentssekretär, bei den deutschen Christlichsozialen, nach Hitlers Einmarsch ins KZ Buchenwald verschickt, deswegen aber nach 1945 keineswegs in der wieder restaurierten Tschechoslowakei legitimiert oder gar gefördert, schlug sich Rokyta mit Frau und Kind beim Denkmalamt durch und überdauerte so den Wandel der Zeit zum Besseren.

Unverdrossen, ein Lebens- und Kulturoptimist, mit Frau reichsdeutscher Herkunft und selbst als zweisprachiger Böhme wechselnden Regimen verdächtig, treu aber seinem geschichtlich-europäischen Kulturbekenntnis, blieb Rokyta bei dem, was er als Lebensaufgabe verstand: das gemeinsame Erbe der Nachwelt als deren eigene Herkunft wie auch Zukunft zu vermitteln. Dieses Jahrhundert war danach, dem kommenden die Kontinuitäten geradezu vor Augen zu halten.

Dieses "Sesam, öffne dich!" ist gewiß nicht als Begleiter auf Spaziergängen durch die Moldaustadt zu gebrauchen. Dazu gibt es in jederlei Sinn leichtere Waren, solche, die sich in der Geschichte unterbringen lassen. Was Rokyta mit so reichem Wissen ausbreitet, wirkt dafür als munterer, ja raffinierter Anstifter zu Entdeckungsreisen in das Innerste Prags. Beim Schlendern durch Gassen und über Plätze wird der Benutzer hineingezogen in das im bloßen Ansichtskarten-Prospekt so oft versteckte Wesen.

Wie über die Karlsbrücke verbinden sich da die Zeiten: die alte Königsresidenz, das imperiale Fest des Barocks und die Gegenwart der Hauptstadt Tschechiens. Gegliedert nach den Stadtvierteln, schenkt dieser "Rokyta" damit so etwas wie ein Prag mit Fassaden samt Hinterhöfen in seinem europäischen Bezugsfeld.

Die Moldau-Metropole von einst wie heute als ein lebenserfüllter Kosmos aus Geschichte, Kunst und erlittener Gegenwart dieses Jahrhunderts wird so mit der Akkuratesse eines Denkmalschützers wie zärtlichen Liebhabers ausgebreitet. Die durch das Wachstum der Stadt bedingte Gliederung und die jeweilige Objektbeziehung werden aber immer wieder belebt durch die Erzählung des Ambiente. Menschen und Schicksale tauchen da auf, literarische und musikalische Reminiszenzen werden beschworen, die Welt der Kafka, Rilke, Meyrink, Brod oder Urzidil, auch die eines Kisch beleben die Stadtszene. Sie erinnern, welche Ausstrahlung dieser Kreuzungspunkt zweier Völker in Selbstdarstellung durch Geschichte, Kultur und Seele in sich hat.

Aber was überdies die erweiterte – nun auch etwas brav mit Standphotos illustrierte Neuausgabe – auszeichnet, ist eben ihr Autor. Rokyta hat sich damit selbst ins Herz geschrieben. Der Altösterreicher und Bildungsbürger bezeugt in solcher Erschließung der Stadt zugleich ein Stück eigener Biographie, ihren Genius loci in der Vermittlung der Widersprüche und zugleich so spannungsreicher Identität: einst entstanden aus slawischer und deutscher, gotischer und barocker, landesherrschaftlicher und kaiserlicher Symbiose.

Otto Schulmeister in der "Presse" vom 23. März 1996

" ... Ein wahrer Humanist, ein Enzyklopädist, ein lebendes Lexikon bewahrte mit diesem Werk sein Wissen vor dem Verlust – und schenkte seinen Lesern eine wahre Fundgrube."

"Die Furche", am 21. Oktober 1999

In einem Böhmenstädtchen. Da tanzte einst ein Mädchen: Bei Hugo Rokyta lernt man, warum die Polka nicht aus Polen stammt. Im Oktober 1932 hielt Gerhart Hauptmann in Prag vor Literaten aus vieler Herren Länder eine kurze Ansprache. Zum ersten Mal in seinem Leben, so sagten Freunde des Schriftstellers, legte er sein Manuskript weg und sprach aus dem Stegreif. Nach dazu war es eine "fast politische" Rede, wie der tschechische Autor Karel Capek überliefert hat: über Völkerverständigung und Barbarei des Hasses. Dieser und andere Ortstermine finden sich in dem Handbuch "Die böhmischen Länder", das in der jetzt vorliegenden Neuausgabe auf drei Bände angewachsen ist.

Ausgegraben hat diese Kostbarkeiten Hugo Rokyta, der die Jahrzehnte, in denen ihn die tschechischen Kommunisten nicht publizieren ließen, als Denkmalpfleger überlebt und genutzt hat. Wer in dieses so trocken daherkommende Handbuch hineinschaut, wird sich festlesen. Denkmäler und viel mehr, Gedächtnisorte im weitesten Sinne, hat der Autor auf dem ganzen Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, also auch im einst österreichischen Zipfel Schlesiens, nach Ortsnamen alphabethisch beschrieben und mit Zitaten garniert. Welche Verse Goethe und Kleist nach der Besteigung der Schneekoppe zu Papier brachten; daß es ein Bauernmädchen in Elbeteinitz war, das an einem Sonntagnachmittag im Jahre 1835 die Polka erfand; daß Emil Jannings 1901 im Gasthof "Zum goldenen Lamm" im nordböhmischen Berkenstein mit einer Rolle in den "Räubern" erstmals auf der Bühne stand; daß im Prämonstratenserkloster Tepl bei Karlsbad eine Bibelübersetzung liegt, die ein unbekannter Kleriker noch vor Luther zuwege gebracht hat: All das läßt sich bei Rokyta nachlesen.

Rokyta ist ein erklärter Liebhaber des neunzehnten Jahrhunderts und seiner "europäischen Kulturbeziehungen", die in diesem Land vor allem Beziehungen zwischen Tschechen, Deutschen und Juden waren. Beim zwanzigsten Jahrhundert wird der Autor recht wortkarg. Viel Unschönes ist geschehen in dieser Zeit; der einstige Buchenwald-Häftling Rokyta, der noch im Lager von seinem Goethe, seinem Herder nicht lassen wollte, könnte ein bitteres Lied davon singen.

Die erste Auflage des Werks erschien lange vor der "samtenen Revolution", damals in Österreich. Der 1992 von einem österreichischen Mediziner in Prag gegründete deutschsprachige Vitalis Verlag hat sich nun der Neuausgabe angenommen. In dieser hat Rokyta etwa den Band über Mähren und Schlesien mit 145 Fotos ausgestattet, die dem Leser eine Augenreise durch alle böhmischen Länder gestatten. Der Leser wird sich nach dieser virtuellen Reise bereichert zurücklehnen – oder selbst hinfahren.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung", am 05. Dezember 1995

"Der Prager deutsche Buchverlag Vitalis hat eine klaffende Lücke der tschecheibezogenen deutschen Literatur geschlossen, die jahrzehntelang namentlich vom interessierten Bildungsbürger besonders schmerzlich empfunden wurde – es hat mit der Neuherausgabe des Handbuches der Böhmischen Länder von Prof. Hugo Rokyta begonnen ...."

"Prager Wochenblatt", am 01. September 1995

"Hugo Rokytas topographisches Kaleidoskop ist nicht für eilige, Sehenswürdigkeiten sammelnde Reisende gemacht. Aber neugierige Flaneure durch die Jahrhunderte werden darin vorzüglich bedient."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung", am 20. November 1995

"Wie schön, daß es den Rokyta wieder gibt! Der Vitalis Verlag in Prag hat das Werk nach einem Vierteljahrhundert neu und überarbeitet aufgelegt. Rokyta führt uns nicht nur höchst kenntnisreich zu den Denkmälern der Stadt, sondern unternimmt auch einen Gang durch die europäische Kultur- und Geistesgeschichte – aus diesem Blickwinkel voll überraschender Details. Ein großartiges Buch."

"Rheinischer Merkur", am 01. Dezember 1995

"Auf seinem Rundgang durch Prag entsteht ein reiches und farbiges Panorama, das mit keinem anderen Führer zu vergleichen ist. Der Verfasser schrieb eine mit Kultur, Geschichte und Kunst angefüllte Topographie, wie sie bisher nicht vorhanden war."

"Prager Nachrichten", im Januar 1996

"Wer mehr wissen wollte, als die üblichen Reiseführer meldeten, wer auch die Steine zum Reden bringen wollte, mußte bei Rokyta nachschlagen."

"Rheinische Post", am 06. April 1996

"Seine Erinnerungen und sein enormes kulturgeschichtliches Wissen hat der Germanist, Historiker und hauptberufliche Denkmalschützer Rokyta in seinem dreibändigen Handbuch Die Böhmischen Länder zusammengetragen."

"Kölner Stadtanzeiger", am 08. September 1997

"In den drei Bänden der Böhmischen Länder findet der Leser nicht nur die Topographie, die Kunst- und Literaturgeschichte der Länder der Wenzelskrone – erfindet vor allem unzählige Verknüpfungen, Spiegelungen, Rezeptionen – eine ganze Landschaft der Erinnerung, des freudigen oder zornigen Gedenkens, der wechselnden Perspektiven von Völkern, Konfessionen, Einzelnen."

"Süddeutsche Zeitung", am 24. November 1997

"Dazu werden, wo immer möglich, ausführliche literarische Zitate eingeflochten, um die ehemals dort wirkenden Personen oder Institutionen dem Leser nahezubringen. So gelingt es dem Autor, Bauwerke zu Baukörpern zu verlebendigen. Der Leser erfährt die böhmische Hauptstadt als einen über Jahrhunderte gleichermaßen weit ausstrahlenden und anziehenden kulturellen Magneten."

"Die Brücke", am 15. März 1998

"Hugo Rokyta hat in seiner Neubearbeitung der Versuchung widerstanden, aus seinem Handbuch einen durchgehenden Baedeker zu machen. Dennoch kann man mit dem Prag-Buch in der Hand von Haus zu Haus, von der Kirche zur Synagoge und vom Friedhof zum nächsten Denkmal gehen und sich die Geschichte der Gebäude erzählen lassen.

Literarische Zeugnisse, unter anderem von Rainer Maria Rilke oder Franz Kafka, Egon Erwin Kisch oder Max Brod, lockern den Spaziergang auf, bleiben jedoch immer auf den Standort bezogen. ... Das Buch läßt sich gleichermaßen als Führer und Nachschlagwerk nutzen."

"Neue Züricher Zeitung", am 31. Dezember 1997