Jan Zahradnicek
Vogelbeeren (Jeraby)

Die Distel steckt der Halde Schutt in Brand
Es ist verdienstvoll, dass der Vitalis Verlag, noch dazu unter der kundigen Hand des Literaturwissenschaftlers Urs Heftrich, einen "Klassiker der Moderne" präsentiert. Von Jan Zahradnicek lag in deutscher Übersetzung bisher lediglich der längst vergriffene Band "Der Häftling Gottes" aus dem Jahr 1984 vor, in welchem Nikolaus Lobkowicz das spätere Werk von Jan Zahradnicek vorgestellt hat.
Die Dichtung Jan Zahradníceks verbindet sich in der tschechischen Literatur mit dem Begriff der "katholischen Moderne", zu welcher auch bedeutende Namen wie Jakub Deml, Jan Cep oder Jaroslav Durych gezählt werden. 1933 erschien "Jeráby" und setzte sich so erfolgreich durch, dass einige Neuauflagen erfolgten.
Im Deutschen sind Jeraby Kraniche, aber auch Kräne oder Ebereschen - also Vogelbeerbäume. Urs Heftrich hat aus klanglichen Gründen "Jeraby" mit "Vogelbeeren" übertragen. Diese eigentümliche, aber legitime Vorgehensweise wirft ein Licht auf die Übersetzungen der vorliegenden Verse, die zweisprachig abgedruckt sind. Dabei kann nicht genügend betont werden, dass Jan Zahradniceks Verse eigentlich nur unter Verlusten in eine andere Sprache übertragen werden können, da vor allem die Sammlung "Jeraby" noch durch eine strenge Rhythmik gekennzeichnet ist.
Jan Zahradniceks Religiösität kommt in den Versen von "Jeraby/Die Vogelbeeren" noch nicht so expressiv zum Ausdruck wie in seinen späteren Gedichten. Deutlich spürt man den Einfluss des symbolistischen Dichter Otokar Brezina in dieser Verssammlung. Im Gedicht "Schreie" besingt Zahradnícek ländliche Motive und gleichzeitig schieben sich bereits Visionen dazwischen, welche das Vorgegebene überschreiten: "Ihr Ebenen, mit Dörfern besprengt,/Ihr Türme und Pappeln, wiegt meinen Gedanken,/unruhig, wenn er nicht mehr Platz hat,/ ihr Berge, die ihr über dem Horizont wie Kamelherden schreitet/ zu den Brunnen von Eden, nehmt micht mit!". Es vermischen sich Farben, Düfte und Erinnerungen von Zahradníceks mährischer Heimat mit Ahnungen von Schicksal und einer ungewissen Zukunft. Noch spendet das Paradies mit seinem Garten Eden eine tröstende Zuversicht. In der späteren Dichtung wird Jan Zahradnícek aus einer tiefgläubigen Gottesbeziehung zunehmende Kräfte schöpfen. Noch aber sind existentiellen Bedrohungen eher vage: "Du, aber, Sonne, sollst glühen über Armeen von Ähren,/ wenn um die Reife sie ringen,/ und du, Orkanroß, mit flatternder Mähne,/ sollst traben, bis die Schale der Stille zerspringt/ und der Vogel Sturm auffliegt".
Das Schicksal sollten den 1903 geborenen Jan Zahradnicek in brutalster Weise treffen. Die Stalinisten verhafteten ihn 1951 und ein Jahr später wurde er wegen "Teilnahme an einer gegen den Staat gerichteten Bewegung" zu 13 Jahren Haft verurteilt. Ein ungeheurer Schlag gegen den zeitlebens kränkelnden Dichter, der zudem unter einer körperlichen Verwachsung litt. 1956 gewährten ihm die Machthaber einen Hafturlaub, nachdem seine Familie von einer Pilzvergiftung heimgesucht worden war. Im Gefängnis war er nicht darauf vorbereitet worden, dass zwei seiner Töchter bereits an der Vergiftung gestorben waren. Trotz der gegebenen Zusage der Behörden, den Hafturlaub auszudehnen, sorgten die Ereignisse des Ungarn-Aufstandes zu einer weiteren Restriktion. Jan Zahradnícek wurde wieder inhaftiert und erst im Jahr 1960 entlassen. Seine Freiheit konnte der schwerkranke Dichter - Zahradnicek hatte im Gefängnis zwei Herzinfarkte erlitten und musste zu den Verhören zuweilen getragen werden - nur noch wenige Wochen genießen. Am 7. August 1960 starb Jan Zahradnicek an einem Erstickungsanfall. Sechs Jahre später wurde seine Verurteilung offiziell als rechtswidrig aufgehoben.
In einem seiner Gedichte aus dem Band "Jeraby/Vogelbeeren" drückt Jan Zahradnicek seine Sorge aus: "Doch diesen Gesang, wer wird ihn vollenden, mein Gott?". Dabei geht von der geistigen und geistlichen Verarbeitung, mit der Jan Zahradnicek seinem Schicksal begegnet eine merkwürdige Beruhigung aus. Als tiefgläubiger Mensch hat er die Nachfolge Christi angetreten - und wunderbare Verse geschrieben. Sein Gesang ist vollendet.

Volker Strebl in der "Prager Zeitung", am 15. März 2001

Dunkles Wäldertier. Wiederentdeckt: Lyrik von Jan Zahradnicek
Die modernen tschechischen Dichter, die sich (entgegen allen hussitischen Traditionen) ihre Loyalität zum Katholizismus bewahren, hatten kein einfaches Leben. In der liberalen Republik T. G. Masaryks fühlten sie sich an den Rand und zuzeiten, buchstäblich, aufs flache Land gedrängt. Die spätere kommunistische Diktatur bezichtigte sie des Staatsverrats und zerstörte ihr Leben durch lange Kerkerstrafen, ehe in einem glücklichen Moment des Reformkommunismus (1966 bis 1968) ihre Arbeiten wieder erscheinen durften, um dann, nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes, für zwanzig Jahre im Untergrund zu verschwinden - ein wechselvoller, fataler Spuk, der endlich mit der Präsidentschaft Havels ein Ende fand.
Jan Zahradnicek (1905 bis 1960) war der lyrisch begabteste dieser Autoren und zugleich mit dem surrealistischen Spieler Vitezlav Nezval und dem Tragiker František Halas einer der bedeutendsten Poeten der Epoche. Ihm blieb nichts an privaten und politischen Drangsalen erspart. Der Bauernsohn von der böhmisch-mährischen Höhe stürzte als Junge so unglücklich vom Getreideboden, daß er zeitlebens verwachsen blieb. Er studierte Germanistik, Philosophie und Bibliothekswissenschaften in Prag und publizierte seine Gedichte seit 1930, auch in den schwierigen Jahren des "Protektorats", in denen er sich nicht, wie manche Konservative, zur Untreue gegen die freiheitlichen Traditionen der Nation verleiten ließ. Als die Kommunisten zur alleinigen Macht gelangten, verhängten sie über ihn und seine Freunde ein absolutes Publikationsverbot; im Jahre 1951 konstruierte der Staatsanwalt eine Verschwörergruppe katholischer Intellektueller, und man verurteilte Zahradnicek zu dreizehn Jahren Kerker.
Nach fünf Jahren erhielt er Hafturlaub, denn zwei seiner Töchter waren an einer Pilzvergiftung gestorben, aber dann mußte er wieder in den Kerker zurück und wurde erst 1960 aus der Haft entlassen. Er starb noch im gleichen Jahr an den Folgen der Haft, und die Gedichte, die er als Häftling geschrieben hatte, zirkulierten wieder in geheimen Abschriften.
Jan Zahradniceks Gedichtsammlung "Vogelbeeren", "Jeraby", zuerst 1933 publiziert und jetzt von dem Trierer Slawisten Urs Heftrich übertragen, bezeichnet einen Bruch in der Entwicklung des Lyrikers. In seinen frühen Arbeiten war er noch, wie viele, die nach einer neuen Spiritualität suchten, von dem kosmischen Mystiker Otokar Blezina abhängig (den noch Franz Werfel übersetzte). Das entscheidende ist, daß sich Zahradnícek vom Egoismus seiner frühen Poesie befreien will und in die Natur hinausblickt; die Gedichte sind Ansprachen, Zusprüche, Aufrufe, "ihr meine Schritte, Adler, Stunden", "ihr Wälder, wie ein dunkles Tier gebreitet", oder "ihr Berge, die über den Horizont wie eine Kamelherde schreitet". Seine Religion ist nicht, wie einer seiner Kritiker bemerkte, "eine sakrale Adoration dogmatischer Wahrheiten", sondern das Gefühl einer irdischen Heimatlosigkeit oder, mit einem seiner Schlüsselworte gesagt, "die Schwere", die in der Welt auf ihm lastet, und ein "Verlangen", dieser Gebundenheit zu entfliehen, nicht so sehr auf eine romantische als eine biblische Art, zu einem Paradiese hin, das unbenannt bleibt und doch in der Richtung liegt, die seine Poesie einschlägt, "zum Wort / hin zu Vögeln und Träumen und Sternen.", durch das genaue Hinhören auf die Laute der Natur, die den Weg ins ungewisse Ende signalisieren, "die klebrige Nacht", in der sich "Blatt für Blatt auftut" und dann wieder die Vogelstimmen, "flüsternd, was nicht Namen trägt". Das ist aber ein Grundelement seiner Theologie (die von Gott selten und von Christus nicht spricht), daß er sich mit einem "Gottschweigen" konfrontiert sieht, in das alle Dinge "eingegraben sind". und nach einem Schöpfungsakt in einer Dichtung rufen, die ihnen zu Wort verhilft. "der Reigen von Tänzern. Kindheitsstätten, unser Los" oder "in der Erkenntnis grünen Glücks". Bäume, Flüsse, Lerchen.
Urs Heftrich, er sich - nach dem Philosophen Nikolaus Lobkowicz - jahrelang mit Zahradnícek beschäftigte, hat sich mit Kühnheit auf ein kompliziertes Unternehmen eingelassen, denn die Originalgedichte sind sperrig, syntaktisch eng gefügt und proben die strengen Formen des Sonetts ohne Kompromisse, den regelmäßigen Vierzeiler oder gar den raren Alexandriner, noch vom Barock her. Heftrich, der den Band mit einem sachkundigen Nachwort beschließt, stellt hohe Ansprüche an sich selbst, denn er will die Bedeutung der Texte ebenso genau zu Gehör bringen wie die Muster der Reimlaute, ohne zu ungefähren Annäherungen Zuflucht zu nehmen. Manche der Wortstellungen bezeichnen die Grenzen der Übersetzbarkeit. Ein besonderes Problem sind die poetischen Genetivkonstruktionen ("die Grenze des Atems"), aber Heftrich trifft ihre Suggestion genau, mit zusammengesetzten Hauptwörtern oder anderen Mitteln. "Flügelherbste", "Lehmfirmament" oder (ganz wunderbar) "der blitzgeköcherte Sommer"; anderswo kommt er mit einem blauen Auge davon. Zahradnícek sagte von sich selbst, wie vorausblickend, "er starb wie einer, der neu aufgeflogen", und die deutschen Übertragungen haben das Verdienst seinen neuen Aufflug ins Welliterarische sorgsam gefördert zu haben.

Peter Demetz in der "FAZ", im Juli 2001