Böhmen liegt im Meer (von Harald Salfellner)
Seit Tagen regnet es in Böhmen, die Pegel steigen, Prag rüstet sich gegen die drohende Flut. Als am Montag, dem 12. August, die Wassermassen die tschechische Hauptstadt erreichen, stehen Krummau und andere Städte am Oberlauf der Moldau bereits unter Wasser, die Staudämme halten kaum noch stand.
In den Nachmittagsstunden wälzt sich der zum Strom angewachsene Fluß breit und bedrohlich unter der Mánesbrücke hindurch. Äste und Hausrat ziehen an uns vorbei, tauchen zwischen den Schaumkronen auf und verschwinden wieder in der Tiefe. Noch einige Meter fehlen bis zum Überlaufen, aber der Regen prasselt unaufhörlich auf die wallende Oberfläche. Es ist feuchtkalt wie im November, dennoch sind die Gassen und Plätze voller Leute. Von der Brücke aus starren sie ins Wasser, ziehen am Klárovpark vorbei in Richtung Karlsbrücke. Wir laufen mit ihnen, doch für uns ist es ein Wettlauf mit der Zeit. Hinter dem alten Zeughaus schwappt das Wasser schon bis zur Gasse herauf. Da ist nichts, das die braune Gischt am Übertreten hindern könnte. Die Rundfunkstationen melden, die Ingenieure im Süden mußten einige Schleusen öffnen, um ein Bersten der Staudämme zu verhindern – nun müsse man sich auf die Folgen einrichten: Eine ungeheure Flutwelle, die selbst das große Hochwasser des Jahres 1890 in den Schatten stellen wird, rollt auf Prag zu. Gerüchte gehen von einem Mund zum nächsten, kommen aus dem Nirgendwo, verlieren sich im Nichts. Jeder vermutet etwas, niemand weiß Genaues. Zwei Meter wird der Spiegel steigen, nein drei! Auf der Insel Kampa werden die Giebel unter Wasser stehen. Nein, nichts wird passieren, man habe Barrieren errichtet, die Stadt sei auf alles vorbereitet.
Endlich wird Sand angeliefert, schwere Tatras laden ihre Fracht auf das Straßenpflaster, weiße Kunststoffsäcke liegen stapelweise bereit. Sirenen heulen, die ganze Stadt scheint voller Krankenwagen, die sich mit ohrenbetäubendem Gekreisch ihren Weg durch die verstopfte Stadt bahnen. Tausende müssen ihre Wohnungen verlassen, die Evakuierung ist in vollem Gange. Alle parkenden Fahrzeuge sind schon vor Stunden aus den betroffenen Bezirken abgeschleppt worden. Jetzt rückt Militär an, junge Männer aus Prager Kasernen. Polizeikräfte patrouillieren im Katastrophengebiet, versuchen das Chaos zu ordnen. Noch ist überall Hoffnung, die Stimmung gut. Doch in den Gassen herrscht ein hektisches Durcheinander. Die Sorge steht den Menschen ins Gesicht geschrieben. Bewohner der direkt an die Moldau grenzenden Viertel, aber auch Verkäufer, Kellner und andere Bedienstete errichten zusammen mit den Soldaten einen Damm aus Sandsäcken. Frauen füllen Beutel ab, Männer wuchten sie an die vorgesehenen Stellen oder schleppen die schwere Fracht zu den umliegenden Eingangstüren, Fenstern und Lüftungsschächten. Niemand hat Erfahrung, keiner kennt sich aus, nirgends gibt es eine erkennbare Einsatzleitung, Prag wurde seit Generationen nicht von einer solchen Flut heimgesucht. Viele der hilfsbereiten Kräfte könnten unter einem straffen Kommando gezielt handeln. Doch die Energie verpufft fast ohne Ergebnisse. Nicht einmal die Soldaten wissen recht, was zu tun ist, es scheint, als hätte man sie ohne Vorgesetzten, ohne klaren Auftrag, ohne ausreichend Gerätschaft abgeladen, um sie mal hier, mal da aushelfen zu lassen.
In den Geschäften werden die Waren auf höhere Etagen gestapelt, ein Abtransport ist nicht mehr möglich, die Zufahrt zum Überschwemmungssektor gesperrt. So vergeht die Nacht in hektischer Betriebsamkeit, in den Morgenstunden des 13. August kehrt gespenstische Ruhe ein. Niemand darf mehr die Gasse betreten, alle Bewohner haben das Viertel verlassen, manche unfreiwillig, die Behörden haben die Kleinseite zum Notstandsgebiet erklärt. Die Insel Kampa, einige hundert Meter entfernt, steht bereits tief unter Wasser. Aber unser Vorplatz ist noch trocken, und so schöpfen wir trotz des nachts stark angestiegenen Pegels erneut Hoffnung.
Die Dämme aus Sandsäcken sind schwach, der Sand ist schon nach wenigen Stunden durchnäßt. Quälend langsam verstreichen Minuten und Stunden, und noch immer ist der Scheitelpunkt der Moldau nicht erreicht. In kurzen Abständen laufen wir hinunter zum Klárov. Im Fernsehen gibt es kaum konkrete Berichte, obwohl ČT 1 pausenlos Bericht erstattet.
Freilich sagen sie nicht, ob die Säcke vor unserer Buchhandlung halten werden, wir hoffen, zweifeln, bangen, beten. Aus der Ferne sehen wir zu, als unsere Befürchtungen Wirklichkeit werden, unsere Hoffnung ertrinkt. Die Barriere gibt nach, ohne daß der Einbruch in irgendeiner Weise spektakulär aussehen würde. Da gibt es keine hervorschnellenden Fluten, kein Sich-Wälzen, Strömen, Gischten, kein Hervorbrechen und Herausstürzen, kein Wallen, Wirbeln und Wogen. Langsam sickert das trübe Wasser in die stille Gasse, läuft über auf die Gehsteige und Vorgärten, fließt durch die Ritzen in Geschäfte und Wohnungen, bahnt sich unaufhaltsam seinen Weg durch die geborstenen Fenster, ergießt sich in alle Nischen und Winkel. Bald erreicht das Wasser auch die Metrostation, füllt langsam und unaufhaltsam den tiefen Schacht und mit ihm große Teile der Tunnelröhren. Nach wenigen Viertelstunden ist der Vorplatz unserer Buchhandlung überflutet, liegt friedlich und still vor uns, die wir mit bangen Herzen auf das gespenstische Bild starren, das so viel Unheil birgt.
In der so hart vom Wasser getroffenen Malá Strana, jener idyllischen Kleinseite, wo der Vitalis-Verlag seinen Sitz hat, wird in diesen Minuten die einzige deutsche Buchhandlung der Stadt mit all ihren Büchern und dem gesamten Mobiliar Opfer der schlammigen Lauge. Welch ungeheure Verheerung dieses scheinbar so gemessen ansteigende Wasser zur Folge hat, wird erst später sichtbar werden. Vorerst sieht man davon nichts, es scheint, als ob noch ein wenig Zeit bleibt, sich mit dem Untergang abzufinden. Das Firmenschild hängt noch, es ist zur Hälfte in das meterhohe Wasser getaucht. Jetzt gibt es keine Hoffnung mehr, auch nicht für die teuersten Bände, die wir eilig nach ganz oben geschichtet hatten. Das Geschäft ist bis zur Decke geflutet. Die Prager Vitalis-Buchhandlung auf der Kleinseite – die eigentliche und erste Franz-Kafka-Buchhandlung der Stadt – gibt es nicht mehr. Dieser Ort der Begegnung und Literatur für unzählige Einheimische und Reisende wurde binnen Stunden zu einem Ort der Vergangenheit, ist in den Fluten versunken. Nichts davon ist geblieben. Nach dem Wasser kommt es noch schlimmer für den Verlag. Wer um die Grundgesetze der Physik weiß, darf auf ein gnädiges Davonkommen nicht mehr hoffen. Das angrenzende Lager, eingerichtet in den vormaligen Verlagsräumen, ist ein Raub des Wassers. Wir ahnen, daß Zehntausende Bücher in einer schlammigen, übelriechenden Brühe liegen und die Aufbauarbeit eines Jahrzehntes vernichtet ist, aber wir wollen die Hoffnung auf irgendein mildtätiges Wunder nicht aufgeben, bis wir die Folgen mit eigenen Augen sehen können. Später werden wir die Tür mit Brechstangen und Krampen aufbrechen und erst, als die Türöffnung den Blick freigibt, begreifen, daß alles verdorben ist.
Das Bangen und Hoffen geht indes weiter. Wenn das Wasser noch höher steigt, wird es auch den Verlag treffen. Nach kurzer Zeit wird wahr, was niemand für möglich gehalten hatte. Das fortwährend steigende Wasser strömt über eine Wiese und ergießt sich auf die hier tiefer gelegene Straße U Železné lávky. An dieser Stelle hatte vor gut hundert Jahren ein Eiserner Steg über die damals noch ungebändigte Moldau in die Altstadt hinübergeführt. Eine sicherer Steg über reißende Fluten, das schien uns eine gute Adresse für einen Verlag zu sein, der sich der deutsch-tschechischen Nachbarschaft verschrieben hat.
Die Trauerweiden am Klárov ragen mittlerweile aus dem schlammigen Teich, der sich hier gebildet hat. Schwäne und Enten tummeln sich geschäftig, genießen die Ausweitung ihres Lebenskreises. Drüben am Verlagsgebäude leuchtet ein Franz-Kafka-Poster von der Eingangstür, das Wasser steht dem Schriftsteller bis zum Kinn. Die Schwimmvögel scheinen von den traurigen Augen Kafkas angetan, denn sie kreuzen das eine ums andere Mal vor ihm die Gasse.
Auch hier gibt es keine Schonung, die Flut dringt in die etwas tiefer liegenden Studioräumlichkeiten ein, steigt bis zur Decke und verwüstet alles – Möbel, Telefone, Elektronische Geräte, Rechner, archivierte Dokumente, Akten. Später werden zwei Arbeiter aus der Karpato-Ukraine beim Liquidieren helfen und angesichts der Zerstörung auf ihre eigenen Erfahrungen verweisen: Stra šné ! Hlavně zdraví! Schrecklich! Hauptsache Gesundheit!
Den Verlust vor Augen, bilanziert man die geleistete Aufbauarbeit, die investierte Kraft, die Zähigkeit, erinnert sich, wie man Unwegsamkeiten trotzte, und kann einfach nicht glauben, daß alles vergeblich war, alles verloren scheint.
Auf die Regenzeit folgten schwülheiße Spätsommertage. Die Hitze erschwerte das Wegschaffen der vielen Tonnen aufgequollener und in Gärung übergehender Bücher aus dem finstern Lager. An den Einsatz von technischen Hilfsmitteln war mangels Elektrizität nicht zu denken, die Zufahrt zum Katastrophensektor blieb zudem gesperrt, um Plünderer nicht zum Zuge kommen zu lassen. Jeder Übertritt der Grenze war mit endlosen Diskussionen, Bitten und Betteln zu erkämpfen.
Wenn ich in den hinter uns liegenden schwülen Nächten das Schlafzimmerfenster öffnete, strömte mir der widerliche Gestank des faulenden Papiers entgegen. Der ekelhafte Geruch haftete tagelang an meinen Fingern und ließ sich nicht abwaschen. Aber mehr noch als die stickige, vom verrottenden Papier geschwängerte Luft bedrückte uns alle der Anblick der durchfeuchteten, schimmelnden, verschmierten und verklebten Literaturkadaver, die in schlammdurchsetzten Halden auf den Bagger und dann grotesk torquiert in Containern auf den Abtransport warteten. An diesem unschönen Ort haben wir alle gefühlt, daß Bücher mehr sind als eine beliebige Handelsware. Noch aus den Tiefen der Behälter schimmerte ein Glanz herauf, und wie schon so oft in diesen Tagen zeigten wir auf einen zerfetzten Rücken und ein zermalmtes Buch – da ging Leppins Roman seinen Gang die Finsternis.
Endlich ist alles vorbei, erledigt. Wir werden nicht mehr mit rohen Gummistiefeln über die Halden klettern, nicht mehr mit klobigen Geräten die von Faulschlamm bedeckten Türen aufbrechen oder Schubkarren um Schubkarren aus dem düsteren Gewölbe schieben. Ein tschechisches Paar wirft noch einen Blick in den Behälter und flüstert betroffen: Bože, to je škoda. Das kann zu deutsch heißen: Herrgott, so ein Schaden! Aber in ihre Gesichter steht geschrieben, was sie in Wirklichkeit sagen wollen: Mein Gott, ist das schade.
Für diese beiden lohnt es sich, nach Hause zu gehen, Kaffee zu kochen und dann – von Neuem zu beginnen.
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