Zur Geschichte der Medizin
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Eine digitale Galerie

August Paul von Wassermann

21. 2. 1866 - 16. 3. 1925

Wassermanns Lebensweg ist mit Kochs Preußischem Institut für Infektionskrankheiten verbunden, dessen klinische Abteilung er ab 1919 leitete. Zusammen mit Albert Neisser und Carl Bruck führte er 1906 die nach ihm benannte Serodiagnostik der Syphilis ein, nur ein Jahr nachdem Fritz Schaudinn den Erreger Treponema pallidum gefunden hatte. Wassermann und seine Mitstreiter machten sich dabei die von Jules Bordet und Octave Gengou entwickelte Komplementbindungsreaktion zu Nutze. Die diagnostische Sicherheit, die nun gegeben war, brachte die Syphilisforschung deutlich voran. So konnten nun zweifelhafte Fälle gesichert und bald auch korrekt therapiert werden. Nun erst erkannte man die Ansteckungsgefahr durch zahlreiche Träger einer latenten Syphilis ohne klinische Symptomatik.

Und nun erst konnte der Zusammenhang zwischen Syphilis und ihren Folgekrankheiten aufgeklärt werden – Progressive Paralyse, Tabes dorsalis, Aortenaneurysmen und -insuffizienzen. Jetzt erkannte man auch, daß die kongenitale Syphilis über die infizierte Mutter erworben wurde, die aus diesem Grunde therapiert werden mußte, und nicht etwa durch eine Ansteckung des Eies durch infiziertes Sperma.

Wenige Jahre später konnte der mit Wassermann bekannte Paul Ehrlich 1910 durch das Salvarsan 606 ein erstes spezifisches Therapeutikum anbieten, abgelöst 1911 vom weniger toxischen Neosalvarsan. Die Wassermann-Reaktion blieb bis in die 1960er Jahre eine Standardmethode der klinischen Diagnostik. Dabei hat Wassermann keineswegs nur für die Lues-Diagnostik Bedeutung erlangt. Als besonders segensreich erwies sich das Meningokokkenserum, das er zusammen mit Wilhelm Kolle, ebenfalls im Jahr 1906, einführte. Dieses erste wirksame Heilmittel gegen die Meningitis vermochte die Sterblichkeit von bis zu 80 %, bei Säuglingen gar bis zu 100 % auf ungefähr 20 % zu senken und war neben dem Diphtherieserum das zweite wichtige Serumpräparat zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es verlor seine Bedeutung erst mit der Einführung wirksamer Antibiotika. Auch für die Tumortherapie kamen wesentliche Impulse von Wassermann: so erhärtete er den Verdacht, daß Tumorzellen durch Chemikalien abgetötet werden könnten, denn es war ihm im Mäuseversuch gelungen, Ovarialtumoren durch an Eosin gebundenes Selen zu therapieren. Dieser Ansatz wurde in den nächsten Jahrzehnten zur erfolgreichen Chemotherapie von Malignomen ausgebaut. Auch die Strahlentherapie von Tumoren brachte Wassermann voran, dabei fand er eine Reihe von Grundlagen, die noch heute die Basis der Radiotherapie bilden: Wassermann konnte erklären, daß ein Zusammenhang zwischen der Strahlensensitivität und der Zellteilungsrate besteht und verbunden damit, warum bei Bestrahlung Sterilität droht. Er erkannte auch, daß die Strahlentherapie nicht über direkte Abtötung der Zellen wirke, sondern über eine Verminderung der zellulären Vermehrungsfähigkeit. Gegen Ende seines Lebens mußte Wassermann erkennen, daß sein großer Wurf auf einem Irrtum beruhte: Die Wassermann-Reaktion wies nicht Antikörper gegen Syphilis-Erreger nach, sondern Antikörper gegen körpereigene Lipoide. An der klinischen Bedeutung der Methode änderte das freilich nichts. Wassermann starb am 16. März 1925 in Berlin.