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Endemisch, epidemisch, pandemisch

Influenza vera versus Influenza nostras

Die Influenza oder Grippe des Menschen ist eine akute virale Infektionskrankheit besonders des Respirationstraktes, die sich mitunter in Einzelfällen, regelmäßig in saisonalen Epidemien und von Zeit zu Zeit als weltumspannende Pandemie manifestiert.

Influenza vera versus Influenza nostras

Die Influenza oder Grippe des Menschen ist eine akute virale Infektionskrankheit besonders des Respirationstraktes, die sich mitunter in Einzelfällen, regelmäßig in saisonalen Epidemien und von Zeit zu Zeit als weltumspannende Pandemie manifestiert. Solche pandemische Grippeausbrüche, bei der bis zu 50 % der Weltbevölkerung infiziert werden, hat es etwa in den Jahren 1957, 1968 oder 2009 gegeben, jedoch lassen sich Influenzapandemien bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Der gewaltigste Grippeausbruch des 18. Jahrhunderts wird 1781/82 beobachtet, im 19. Jahrhundert regiert die Grippe in den Jahren 1803 bis 1805, 1830 bis 1833, 1847 bis 1849 und 1889 bis 1892. Letztere Pandemie steht noch vielen Ärzten und Zeitgenossen in guter Erinnerung, als 1918 die wohl verheerendste Influenzapandemie seit Menschengedenken als „Spanische Grippe“ über die Kontinente geht und in mehreren Wellen mindestens 20 Millionen, nach anderen Schätzungen gar 50 bis 100 Millionen Menschenleben fordert.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein ist es durchaus ungewiss, ob die pandemische Verlaufsform der Influenza überhaupt derselben Krankheitsentität angehört wie die vertraute, alljährlich wiederkehrende Saisongrippe. Der bedeutende Grippeforscher Otto Leichtenstern (1845–1900), vor der Jahrhundertwende unangefochtene Exzellenz in Sachen Influenza, geht von zwei verschiedenartigen Influenzakrankheiten aus, indem er die epidemisch-pandemische Influenza vera der endemischen Influenza nostras gegenüberstellt, die als Pseudoinfluenza ätiologisch abzugrenzen sei. Die Begriffe Influenza vera und Influenza nostras geistern noch 1918 durch das medizinische Schrifttum.

Max Kuczynski (1890–1967) zweifelt 1921 nicht mehr an der ätiologischen Übereinstimmung der Grippeverlaufsformen, „deren Erreger von Zeit zu Zeit in hochsteigender Virulenz pandemisch oder epidemisch große Teile der Bevölkerung krankmachend befällt.“ [1] Dagegen unterscheidet der bekannte Internist und Vorstand der II. Medizinischen Klinik in Wien Norbert Ortner (1865–1935) noch 1928 zwischen einer Influenza vera und einer Influenza nostras. [2] Erst mit der endlichen Klärung der ätiologischen Verhältnisse sowie den rasch zunehmenden mikrobiologischen Kenntnissen setzt sich nach 1930 das moderne Verständnis von der Influenza und ihren epidemiologischen Besonderheiten durch.

Nach der Entdeckung des Influenzabazillus durch Richard Pfeiffer (1858–1945) wurde es üblich, die Krankheitsbezeichnung Influenza nur dort zu verwenden, wo Influenzabazillen gefunden oder zumindest vermutet wurden. Zur Zeit der Spanischen Grippe, als ätiologisch immer noch der Pfeiffer‘sche Influenzabazillus im Raum stand, hatten die Begriffe Grippe und Influenza eine abweichende Bedeutung, wie aus einer Mitteilung des Prager Obersanitätsrats Prof. Anton Ghon (1866–1936) an einen Redakteur des Prager Tagblattes hervorgeht: „Die Erkrankung, die jetzt als spanische Grippe bei uns fast überall herrscht, stimmt in ihren Erscheinungen und ihrem Verlauf nach dem Urteil aller Ärzte, die noch aus eigener Erfahrung die große Influenzaepidemie 1889–1893 kennen, damit überein. Damals kam die Erkrankung, die sich rasch über die ganze Erde ausbreitete, vom Osten zu uns her; heuer hingegen vom Westen. Als Erreger der Influenzaepidemie Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts beschrieb der bekannte Hygieniker Richard Pfeifer [sic] eine kleine Bakterie, die er Influenzabakterie nannte, und die seither als Erreger einer epidemisch auftretenden, grippeartigen Erkrankung gilt. Es war daher wichtig zu erfahren, ob auch bei der jetzigen Epidemie die gleiche Bakterie als Erreger der Erkrankung zu finden sei, um so mehr als es auch Erkrankungen mit gleichen oder ähnlichen Erscheinungen gibt, die nicht durch dieselbe Bakterie hervorgerufen werden. Der Name Grippe ist daher eigentlich ein Sammelname für Erkrankungen, die die gleichen Erscheinungen zeigen, in ihrer Ursache aber verschieden sind, während der Namen Influenza medizinisch heute reserviert ist für jene epidemisch auftretende Grippeform, die durch das Influenzabakterium von Pfeiffer hervorgerufen wird.“ [3]

Mit der Aufdeckung der viralen Ätiologie fiel die Grundlage für diese Unterscheidung weg, heute werden die Begriffe „Grippe“ und „Influenza“, besonders im Hinblick auf die Pandemie 1918–20, weitgehend synonym verwendet.

  1. Walter Levinthal, Max H. Kuczynski, Erich K. Wolff, Epidemiologie, Ätiologie, Pathomorphologie und Pathogenese der Grippe, München/Wiesbaden 1921, p.29.
  2. Norbert Ortner, Differentialdiagnostik innerer Krankheiten, Berlin/Wien 1928, p.86
  3. Prager Tagblatt, 6.10.1918, p. 4.
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