Die Spanische Grippe
Die Spanische Grippe

Die Spanische Grippe

Eine Geschichte der Pandemie von 1918
Durchgehend farbig bebildert
  • 15 x 21 cm, 168 Seiten
  • Deckenband, Fadenheftung, Schutzumschlag mit Reliefprägung, Lesebändchen
  • ISBN 978-3-89919-510-1
  • Auf Lager
Erhältlich in
€ 24,30 (D)€ 24,90 (Ö)

Vor hundert Jahren, als der blutige Weltkrieg sich nach vier Jahren seinem Ende zuneigt, gewinnt eine todbringende Seuche an Fahrt – die sagenhafte Pandemie der Spanischen Grippe. Von Tag zu Tag wächst das Heer der Toten, Epidemiologen werden später von weltweit 20 bis 50, manche gar von 100 Millionen Grippeopfern sprechen.
Rechtzeitig zum 100. Gedenkjahr legt Medizinhistoriker Harald Salfellner einen bilderreichen Band vor, der die Seuche nicht nur in ihren globalen Zusammenhängen veranschaulicht. In 30 Kapiteln schildert der Autor die unklaren Ursprünge, den Verlauf der einzelnen Wellen und das Krankheitsbild der gefürchteten Lungenentzündungen, denen die Ärzte damals weitgehend hilflos gegenüberstehen, das qualvolle Sterben junger Zivilisten und Soldaten, das Verröcheln der Mütter mit dem Säugling im Arm. Salfellner macht die Menschen hinter den anonymen Schreckenszahlen sichtbar.
Mit seinen mehr als 250 Abbildungen ist der vorliegende Band zur Spanischen Grippe nicht nur die erste umfassende Chronik zur Seuche überhaupt, sondern auch eine faszinierende Zeitreise zu den verhängnisvollen Schauplätzen dieser größten Gesundheitskatastrophe der Menschheitsgeschichte.

Inhalt Inhalt

♦ Ein später Nachruf
♦ Viele Namen, eine Krankheit
♦ Der Pfeiffer’sche Bazillus
♦ Fieber, Husten, Kopfschmerzen
♦ Lungenentzündungen bei Grippe
♦ Besonderheiten der Spanischen Grippe
♦ Maßnahmen gegen die Grippe
♦ Unklare Ursprünge
♦ Verlauf in Wellen
♦ Vorspiel in Zentralchina
♦ Auftakt in Kansas
♦ Frühlingsfieber in Europa
♦ Mai in Madrid
♦ Flandernfieber
♦ Eine einzige Krankenstube
♦ Wind und Wetter
♦ Sommergrippe
♦ Vom Rüstzeug der Ärzte
♦ Übers Meer
♦ September – Das große Sterben geht an
♦ Oktober – Am Scheitelpunkt der Pandemie
♦ Grippeherbst in Österreich
♦ Weder Ärzte noch Aspirin
♦ Hexenkessel Amerika
♦ Friedhofsblüten
♦ Das Gerücht von der Grippepest
♦ Fieberfrieden 1918
♦ Die dritte Welle 1919
♦ Nachbeben 1920
♦ Zeit der Epidemiologen
♦ Der Spanischen Grippe auf der Spur
♦ Anmerkungen
♦ Glossar medizinischer Fachbegriffe

Pressestimmen Pressestimmen

Buchrezension von Michael Lange im Deutschlandradio am 2.2.2018

Harald Salfellner: "Die spanische Grippe"

Als die Straßenbahnen Särge transportierten

Der spanischen Grippe von 1918 fielen rund 50 Millionen Menschen weltweit zum Opfer. Wie sehr die Seuche das Leben vieler Menschen bestimmte, zeigt Harald Salfellner mit einer beeindruckenden Sammlung von Fotos, Zitaten und Alltagsberichten.

Die spanische Grippe von 1918 war die schlimmste Seuche des vergangenen Jahrhunderts. Rund 50 Millionen Menschen weltweit fielen ihr zum Opfer. Wie sehr die Krankheit das Leben vieler Menschen bestimmte, zeigt Harald Salfellner mit einer beeindruckenden Sammlung von Fotos, Zitaten und Alltagsberichten.

Die spanische Grippe von 1918 war die schlimmste Seuche des vergangenen Jahrhunderts. Aber obwohl die Pandemie in drei Wellen weltweit schätzungsweise 50 Millionen Menschen tötete, wurde sie von Historikern lange Zeit übersehen und führt bis heute in den Geschichtswissenschaften ein Schattendasein.

Der Mediziner und Verleger Harald Salfellner hat in Archiven gewühlt, Datenbanken durchsucht und dabei hunderte Bilder und noch mehr Zitate rund um die Spanische Grippe aufgestöbert. Die beeindruckende Sammlung zeigt, wie sehr die Krankheit 1918 im Leben vieler Menschen eine Rolle spielte.

In einigen Regionen erkrankte nahezu jeder Dritte und jeder kannte Freunde, Nachbarn oder Verwandte, die der Grippe zum Opfer gefallen waren. Auch viele bekannte Künstler, Schauspieler und Politiker waren unter den Grippeopfern.

Chaos und Untergangsstimmung

Mit Analysen und Bewertungen hält sich Harald Salfellner zurück. Er lässt die historischen Quellen für sich sprechen: Fotos von unzähligen Kranken in Massenlagern, Menschen mit Schutzmasken und immer wieder Särge. Sogar Straßenbahnen wurden zum Sargtransport umgerüstet.

Es mangelte an Krankenschwestern, Ärzten, Bestattern und Totengräbern. Schulen wurden geschlossen, ebenso Kinos oder Theater. Während die Obrigkeit die Grippe verharmloste, herrschte vielerorts Chaos und Untergangsstimmung.

Die Ärzte waren hilflos. Ihnen fehlten wirksame Medikamente und sogar Fahrzeuge, um zu ihren Patienten zu gelangen. Viele Erkranke kämpften alleine gegen Krankheit und Tod. Meist kam der in Form einer Lungenentzündung, die den grippegeschwächten Körper befiel.

Die Krankenberichte, die Harald Salfellner immer wieder zitiert, beginnen meist mit Kopfschmerzen und starkem Fieber. Nach einigen Tagen fällt den Infizierten das Atmen schwer, die Lunge ist betroffen, das Gesicht färbt sich blau. Nach zehn bis 15 Tagen enden viele dieser ärztlichen Berichte mit dem Wort "Exitus".

Unwissenheit, Fatalismus und Überlebenswillen

Der Blick in die Zeitungen zeigt gleichermaßen Unwissenheit wie Fatalismus und Überlebenswillen. Chinin und Aspirin wurden knapp und konnten ohnehin bestenfalls die Symptome lindern. Verschiedene Mixturen wurden überall verkauft, obwohl ihre Wirksamkeit niemals überprüft wurde. Sogar Sliwowitz und Rum wurden als Heilmittel gepriesen: "Noch besser als Whiskey!" Ein Grammophon-Hersteller empfahl seine neuesten Geräte, denn wer zu Hause Musik höre sei vor der Grippe geschützt.

Das Lesen in diesem Buch ist vergleichbar mit dem Stöbern in einem Zettelkasten aus einer vergangenen Zeit. Manchmal ungeordnet, aber stets eindrücklich wiederholen sich persönliche Schicksale und Erfahrungen. Dabei stehen Deutschland, Österreich und das damalige Böhmen im Vordergrund. China, Indien, Russland, Afrika und Südamerika, wo noch mehr Menschen starben als in Europa und Nordamerika, kommen in diesem Buch kaum vor.

Harald Salfellner liefert insofern keinen umfassenden Überblick über die Pandemie von 1918. Vielmehr lenkt er den Blick auf die Menschen der damaligen Zeit, ihr Leiden, ihre Angst und ihren Willen zu überleben. Und das gelingt äußerst eindrücklich. 

Michael Lange

 

Gespräch mit dem Buchautor in der Badischen Zeitung am 5.2.2018

„Ein Universalimpfstoff ist derzeit nicht in Sicht“

BZ-INTERVIEW mit dem Medizinhistoriker Harald Salfellner über die Entstehung einer Pandemie und mögliche Schutzmechanismen

Eine Pandemie vom Ausmaß der Spanischen Grippe kann uns jederzeit wieder ereilen, meint der Arzt Harald Salfellner. Sollte das passieren, gebe es keinen wirksamen Schutz. Cladia Füßler hat mit dem Medizinhistoriker gesprochen.

BZ: Herr Salfellner, geschätzte 25 bis 50 Millionen Menschen sind seinerzeit an der Spanischen Grippe gestorben. Wie konnte eine solche weltweite Katastrophe passieren?

Harald Salfellner: Da haben wohl mehrere Faktoren unglücklich zusammengespielt. Vermutlich haben 1918 aviäre, also von Vögeln stammende Influenzaviren Eingang in die menschlichen Linien gefunden, wobei Schweine die „Mischgefäße“ gewesen sein könnten. Der Erreger war schon von sich aus überaus virulent und bahnte dann auch noch Bakterien Weg. So kam es zu häufig tödlichen Lungenentzündungen, etwa durch Streptokokken. Aus welcher Brutstätte auch immer das tödliche Grippevirus kam, die damals entstandenen Virusstämme waren etwas völlig Neues, und die menschliche Immunabwehr stand diesem Virustyp schutzlos gegenüber.

BZ: Sind wir heute besser geschützt?

Salfellner: Nein, Pandemievarianten sind immer Neuschöpfungen, wenn auch nicht jedes Mal so gefährlich wie 1918. Und wenn es den viralen Stämmen gelingt, sich in Übertragungsketten von Mensch zu Mensch fortzupflanzen, was der Schlussstein für eine pandemische Verbreitung ist, dann lässt sich die Seuche kaum noch stoppen. Sicher hat die Medizin heute einen ganz anderen Kenntnisstand als 1918. Mit Antibiotika können wir die gefährlichen Pneumonien im Gefolge der Grippe bekämpfen, und für wirklich lebensbedrohliche Fälle haben wir eine leistungsfähige Intensivmedizin. Es gibt ein gut ausgebautes Gesundheits- und Grippewarnsystem. Aber heute leben vier Mal so viele Menschen auf unserem Planeten wie vor 100 Jahren, die Übertragungswege sind noch schneller als damals. Eine Pandemie von ähnlicher Virulenz würde uns ganz gewiss hart treffen und womöglich noch mehr Menschenleben kosten als damals.

BZ: Selbst dann, wenn es gelingen sollte, rasch einen Impfstoff gegen das Virus zu entwickeln?

Salfellner: Die Frage ist, ob ein solcher Impfstoff in der gebotenen Frist für acht Milliarden Menschen zur Verfügung gestellt werden kann. Bei den heute üblichen Impfstoffen gibt es jedenfalls keine Garantie auf Treffsicherheit, und ein Universalimpfstoff, der unabhängig von der jeweiligen Virenevolution wirkt, ist derzeit nicht in Sicht. Die pandemischen Impfstoffe von heute hätten anno 1918 einen Gutteil der tödlichen zweiten Welle abfangen können.

BZ: Woran liegt es, dass es in den vergangenen 100 Jahren keine Pandemie mehr in vergleichbarem Ausmaß gegeben hat?

Salfellner: Das darf man als glückliche Fügung bezeichnen, ein Umstand, der sich im 21. Jahrhundert nicht wiederholen muss. Ganz so harmlos waren ja auch die nachfolgenden Pandemien im 20. Jahrhundert nicht – ein bis zwei Millionen Tote weltweit durch die Asiatische Grippepandemie anno 1957 oder auch die Hongkong-Grippe 1968, die immerhin eine Million Menschen das Leben kostete. Und dass sich die Vogelgrippe ab 1997 nicht zur Pandemie ausweitete, weil sich eben keine Übertragungskette von Mensch zu Mensch ausbildete, ist ein besonderes Glück, wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte der von Geflügel infizierten Menschen starben. Ein Freibrief für die Zukunft ist das aber nicht.

BZ: Was kann ich tun, um mich vor einem solchen Pandemievirus zu schützen?

Salfellner: Es klingt hart: eigentlich fast nichts. Im Pandemiefall könnten Sie Masken tragen, aber das ist über Monate hinweg sehr lästig und anstrengend. Die Bewohner von San Francisco haben 1918 nach einigen Wochen dagegen aufbegehrt. Sie können sich natürlich von jeder menschlichen Zivilisation fernhalten, was aber weder 1918 funktioniert hat noch heute realistisch ist: keine Menschenansammlungen, der Arbeit fernbleiben, öffentliche Verkehrsmittel meiden. Kein Kino, keine Schule, keine Kneipe, kein Geschäft – da wird’s mit der Versorgung schwierig. Das Beste ist wohl eine gewisse Gelassenheit, denn Risiken gehören zu unserem Leben. Zudem ist 1918 mehr als die Hälfte der Bevölkerung gesund geblieben, und von den Erkrankten starb nur jeder Vierzigste. Es gibt Krankheiten, vor denen man sich mehr fürchten könnte.

 

Buchtip im Medical Tribune am 7.2.2018

Der Arzt und Medizinhistoriker Dr. Harald Salfellner legt 100 Jahre nach der Pandemie der Spanischen Grippe einen reich bebilderten Band vor, der die Seuche in ihren globalen Zusammenhangen und Auswirkungen veranschaulicht. Salfellner berichtet über die unklaren Ursprünge, den Verlauf der verschiedenen Wellen und den Kampf der Ärzte gegen das Sterben. Er erinnert damit an das qualvolle Sterben, das sich breitmachte, auch tausende Ärzte und Krankenschwestern sind dem Virus in Ausübung ihres Berufes erlegen.

 

Buchempfehlung in der Ärzte Woche am 15.2.2018

Spanisch sterben

Das Buch gehört zu jenen, die man gerne in Händen hält, weil die Hochglanzseiten den Fingerkuppen schmeicheln. Aber nicht nur haptisch imponiert das insbesondere für Laien verfaßte Sachbuch, auch visuell überzeugt das Werk des Grazer Mediziners Harald Salfellner. Die farbigen Abbildungen sind kein Sammelsurium der üblichen Bilder, die man in je dem zweiten Buch über die Spanische Grippe findet. Gleiches gilt für den Text, der mannigfaltig die Auswirkungen der Pandemie auf alle Bevölkerungsteile, vor allem in Mitteleuropa, beschreibt.

 

Ärzteblatt Thüringen im Februar 2018

Als die Leichenwagen im Trabe die Gassen durchfuhren

Vor hundert Jahren, als sich der 1. Weltkrieg seinem Ende zuneigt, gewinnt eine todbringende Seuche an Fahrt – die sagenhafte Pandemie der Spanischen Grippe. Von Tag zu Tag wächst das Heer der Toten, Epidemiologen werden Jahrzehnte später von 20 bis 50, manche gar von 100 Millionen Grippeopfern weltweit sprechen. Die Zahl der ausgelöschten Menschenleben übersteigt den Blutzoll des Völkerringens 1914 – 18 bei Weitem. Rechtzeitig zum 100. Gedenkjahr legt der Arzt und Medizinhistoriker Harald Salfellner nach jahrelanger Forschung an der Prager Karlsuniversität einen reichbebilderten Band vor, der die Seuche in ihren globalen Zusammenhängen und Auswirkungen veranschaulicht. In 30 Kapiteln schildert der Autor die unklaren Ursprünge, den Verlauf der einzelnen Wellen, den verzweifelten Kampf der Ärzte gegen das Sterben und dazu zahlreiche verborgene Details und neue epidemiologische Fakten.

Aus der Fülle der aufgeschlossenen Quellen wird die menschliche Dimension der Seuche sichtbar, das qualvolle Sterben junger Zivilisten und Soldaten, das Verröcheln der Mütter mit dem Säugling im Arm. Unter den Millionen Sterbenden sind auch der österreichische Maler Egon Schiele, die französische Bühnenkünstlerin Gaby Deslys, die russische Stummfilmschönheit Vera Kholodnaya und Frederick Trump – der Großvater des nachmaligen Präsidenten der USA. Tausende Ärzte und Krankenschwestern erliegen dem tödlichen Virus in Ausübung ihres Berufes.

Wer sich für die Geschichte der Medizin interessiert, wird dieses Werk nicht mehr aus der Hand legen wollen. Mit seinen mehr als 250 Abbildungen ist der vorliegende Band nicht nur die erste umfassende Chronik zur Spanischen Grippe überhaupt, sondern auch eine faszinierende Zeitreise zu den verhängnisvollen Schauplätzen dieser größten Gesundheitskatastrophe der Menschheitsgeschichte.

 

Augsburger Allgemeine am 16.02.2018

Grippe: Ist ein Ausbruch wie im Jahr 1918 heute noch möglich?

Vor 100 Jahren starben an der „Spanischen Grippe“ bis zu 50 Millionen Menschen. Ob sich eine solche Katastrophe wiederholen kann, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Wer schon mal eine echte Grippe hatte, weiß, dass das kein Spaß ist. Sie kommt meist schlagartig und streckt ihr Opfer förmlich nieder. Man fühlt sich schwer krank und derart schwach, dass selbst der Gang zur Toilette als kaum machbares Unterfangen erscheint. Nun haben die Auslöser der Grippe, die Influenza-Viren, wieder Hochzeit. Rund 6000 Menschen in Bayern sind derzeit als grippekrank gemeldet. Und es werden täglich mehr. Für manche von ihnen, oft alte oder geschwächte Menschen, wird sie tödlich enden. Es gab Jahre, in denen 20.000 Menschen daran gestorben sind – allein in Deutschland.

So schlimm das ist: Im Vergleich zu der Grippewelle, die vor 100 Jahren weltweit grassierte, nimmt sich die derzeitige Influenza-Saison harmlos aus. Damals zeichnete sich allmählich das Ende des Ersten Weltkrieges mit seinen schließlich 17 Millionen Toten ab. Die Spanische Grippe, die dann wütete, hatte noch katastrophalere Folgen. Je nach Schätzung starben zwischen 25 und 50 Millionen Menschen daran.

Wie kam es dazu? Und: Kann es eine solche Pandemie heute wieder geben? Die Meinungen darüber gehen auseinander.

Der Erste Weltkrieg also. Der schrecklichste Krieg, den die Welt bis dahin erlebt hatte. Zwar hatte das Deutsche Reich Frieden mit dem seit der Oktoberrevolution 1917 bolschewistischen Russland geschlossen und war der prekären Kriegssituation an zwei Fronten entronnen. Aber die Entwicklung an der Westfront, die Versorgungsmängel durch die britische Seeblockade und nicht zuletzt der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten führten dazu, dass die Oberste Heeresleitung im Laufe des Jahres 1918 immer mehr zu der Überzeugung kam, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Die Amerikaner schickten zudem immer mehr Soldaten nach Europa. Angeblich waren sie es, die die Spanische Grippe in die kriegsgeschwächte „Alte Welt“ brachten.

Der Anfang ist vielen Quellen zufolge im riesigen Militärlager „Camp Funston“ in den landwirtschaftlich geprägten Weiten des US-Bundesstaates Kansas zu finden. 56000 zumeist junge Männer waren dort zusammengepfercht und warteten auf ihren Marschbefehl nach Europa. „Als Kronzeuge dieser Ursprungshypothese wird der Landarzt Loring Miner im Haskell County aufgerufen“, schreibt Dr. Harald Salfellner, ein in Prag ansässiger Arzt, Verleger und Medizinhistoriker, der nun seine jahrelangen Recherchen in dem Buch „Die Spanische Grippe – Eine Geschichte der Pandemie von 1918“ zusammengefasst hat. War es wirklich so? Salfellner hat zumindest Zweifel daran.

Landarzt Miner jedenfalls, so die bisher gängige Meinung, hatte im März 1918 beobachtet, dass in dem Camp eine Grippewelle grassierte, an der binnen kurzer Zeit immer mehr Menschen starben. Das meldete er der US-Gesundheitsbehörde. Die Symptome waren grausam. Nach einer Inkubationszeit von nur ein oder zwei Tagen stellten sich hohes Fieber bis 41 Grad und schwerstes Krankheitsgefühl mit unerträglichen Kopfschmerzen ein. Die Betroffenen wälzten sich in den Betten und vegetierten nur noch wimmernd dahin. Ihrer Gesichter wurden rot bis bläulich und waren aufgedunsen.

Dazu traten sehr häufig zwei Formen der Lungenentzündung auf: die Primärpneumonie, bei der die Lungenentzündung direkt von den Grippeviren ausgelöst wird, oder – was häufiger vorkam: Der Patient erkrankte an einer von Bakterien hervorgerufenen Lungenentzündung, die zur Grippe hinzukam und den ohnehin geschwächten Patienten malträtierte. Das nennt sich Sekundärpneumonie.

Mit fürchterlichen Folgen für den Erkrankten, der an vereiterten Lungen und entsetzlichen Schmerzen litt. Salfellner beschreibt es so: „Die unter qualvoller Atemnot leidenden Kranken sind bis zum Schluss bei klarem Bewusstsein, beobachten die vergeblichen Rettungsversuche der Ärzte und erkennen mit Entsetzen das bevorstehende Ende. (...) In diesen Fällen macht ein Herzversagen dem Todeskampf ein Ende.“

Im Frühjahr 1918 waren zunächst vergleichsweise wenige Menschen von der Krankheit betroffen, sodass noch nicht wirklich von einer Grippewelle die Rede war. Die Nachrichten rund um den Erdball waren vom Kriegsgeschehen dominiert. In diesen Tagen wurden weitere US-Soldaten nach Europa gebracht, wo sie – so die gängige medizinhistorische Deutung – dann den Kriegskontinent „infizierten“.

So kam es auch zu dem Namen „Spanische Grippe“ und nicht etwa „Amerikanische Grippe“. Die Zensurbehörden der kriegsführenden Länder untersagten nämlich zunächst, darüber zu berichten, um die Kampfmoral nicht zu torpedieren. Spanien war aber neutral, und dort gab es nur relativ wenig Zensur. So berichteten spanische Medien Ende Mai, dass acht Millionen Spanier an Grippe erkrankt seien. Plötzlich war der Name „Spanische Grippe“ in der Welt.

Eine Pandemie, die grob skizziert in drei Wellen verlief: der ersten etwas weniger schweren im Frühjahr 1918, einer zweiten extrem tödlichen im Spätsommer und Herbst 1918 sowie einer dritten Anfang 1919. Überall auf der Erde lagen die Menschen darnieder. Die Grippe raffte ganze Ortschaften dahin. Generäle in Europa waren es leid, morgens nur noch die Zahl der Erkrankten genannt zu bekommen, was das Kriegsgeschäft stark erschwerte.

Grippewelle: Allein in Deutschland starben bis zu einer halben Million Menschen

Zwei Drittel der Bevölkerung des Deutschen Reiches waren angeblich erkrankt. Je nach Schätzung starben davon zwischen 250000 und 460000. In den USA entstand Salfellner zufolge ein „Hexenkessel“ der Grippewelle. Allein in der Woche vom 17. bis zum 23. Oktober verloren in den Vereinigten Staaten 210000 (!) Amerikaner ihr Leben. Überall gab es riesige Probleme, die Toten – weil so zahlreich – zu bestatten.

Die Schätzungen, wie viele Menschen überhaupt ihr Leben lassen mussten, gehen auseinander. Der Weltkrieg überschattete vieles. Sehr zahlreich sollen die Opfer in Russland gewesen sein. Doch in dem revolutionsgeschüttelten Land, nunmehr Sowjetunion genannt, hatten die führenden Kommunisten andere Themen auf der Agenda. Die meisten Toten soll es in Indien gegeben haben: 14 Millionen, was eine Volkszählung im Jahr 1921 angeblich belegte.

Ob die Grippe tatsächlich in den Vereinigten Staaten ihren Ursprung nahm, ist bis heute nicht hundertprozentig geklärt. Ebenso wenig ist klar, warum sie bevorzugt nicht Kinder und Alte dahinraffte, sondern gerade gesunde Menschen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Fakt ist, dass es sich um ein Influenzavirus des sogenannten Subtypen A/H1N1 handelte. Dieser stammte Experten zufolge von einem Vogelgrippe-Virus ab und war kurz vor dem Ausbruch der Seuche mehrfach mutiert – in einer Weise, die ihn äußerst gefährlich machte. Weil er aber mutiert war, kannte ihn das Immunsystem der Menschen nicht. So konnte das Virus seinen Wirt befallen, um sich zu vermehren. Viele dieser Wirte starben denn auch daran. Nach 1919 ebbte die Spanische Grippe schließlich ab.

Kann sich eine Katastrophe von diesem Ausmaß wiederholen? Während Salfellner dies grundsätzlich bejaht, ist man beim Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, der zentralen Stelle für Infektionskrankheiten in Deutschland, vorsichtig mit einer solchen Aussage. Susanne Glasmacher, Biologin und Pressesprecherin des RKI, sagt: „Eine ähnliche Pandemie wie 1918 ist heute bei uns nicht denkbar.“ Weil: Die Menschen seien 1918 kriegsbedingt oft in einem schlechten Gesundheitszustand gewesen. Vor allem habe es damals weder Antibiotika gegen die Sekundärpneumonie gegeben noch antivirale Mittel. Auch eine leistungsfähige Intensivmedizin, bei der man Patienten mithilfe von Geräten zur Not übergangsweise außerhalb des Körpers beatmen kann, existierte nicht.

Im Jahr 2009 schlug A/H1N1 – infolge von Mutationen in anderer „Gestalt“ – übrigens wieder zu, diesmal als sogenannte Schweinegrippe. Diese brachte weltweit etwa 18500 Menschen den Tod – viel weniger als 1918. Das lag Glasmacher zufolge auch daran, dass es heute modernere Medikamente und Vorsorgemaßnahmen gibt. In einem anderen Jahrhundert also hätte die Schweinegrippe womöglich viel verheerendere Folgen gehabt.

Im Fall des Ausbruchs einer Grippeseuche gibt es in der Bundesrepublik einen nationalen Pandemieplan. Danach sind die Pharmariesen Novartis und GlaxoSmithKline verpflichtet, einen spezifischen Impfstoff für die komplette deutsche Bevölkerung zu produzieren und auszuliefern. Das würde laut Glasmacher mehrere Wochen dauern.

Es muss ja zunächst bestimmt werden, welcher Impfstoff in großer Menge hergestellt werden muss, schließlich gibt es unterschiedliche Virustypen. Bis dahin wird die Bevölkerung mit einem nichtspezifischen Mittel gegen das Virus versorgt, das laut Pandemieplan schon jetzt in relativ großen Mengen im Auftrag der Bundesländer eingelagert ist. Wie weit die Bevorratung in den Ländern inzwischen fortgeschritten ist, sagt der Pandemieplan allerdings nicht.

Medizinhistoriker Salfellner dagegen sieht dieses Thema in einem düstereren Licht. „Am Ende des Ersten Weltkriegs gab es 1,8 Milliarden Menschen auf der Erde, bald werden es acht Milliarden sein. Davon lebt aber nur ein kleiner Teil in gut versorgten Wohlstandsgebieten wie Deutschland, das im Ernstfall sicher gut versorgt ist“, sagt er. Der andere, weitaus größere Teil der Menschheit lebe in schlecht versorgten Gebieten. Deshalb ist er überzeugt: „Die nächste Pandemie kommt bestimmt.“

Markus Bär, Augsburger Allgemeine vom 16.02.2018

 

EKZ Bibliotheksservice am 22.03.2018

Der Autor schildert in diesem bilderreichen Band die Geschichte der „Spanischen Grippe“, die vor 100 Jahren weltweit wohl mehr Todesopfer forderte als der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen.

Vor 100 Jahren wütete sie rund um den Globus und forderte vermutlich weltweit mehr Todesopfer als der 1. und 2. Weltkrieg zusammen: Die „Spanische Grippe“, die bislang größte Pandemie der Menschheit. Der Autor, selbst Mediziner, erzählt hier in 30 Kapiteln die Geschichte der Krankheit. Er schildert dabei die Symptome, äußert sich zur Entstehung, der Verbreitung, der Reaktion der Ärzte, den Problemen bei den massenhaft erforderlichen Bestattungen, auch Einzelschicksale wie z.B. das von Franz Kafka, der die Grippe überlebte, werden geschildert. Beeindruckend sind der Reichtum und die hervorragende Auswahl an Bildmaterial, das den verständlich, informativ und bewegend geschriebenen Text hervorragend ergänzt und es dem Leser erlaubt, sich ein deutliches Bild von den Zuständen in den Hospitälern, auf den Straßen, den Friedhöfen und von den Berichten in den Medien zu machen...

Heidi Debschütz

 

Die vergilbten Bilder von 1918 – Ein üppig bebilderter Band zur Spanischen Grippe

Wie viele Bilder gibt es nicht vom Ersten Weltkrieg! Tausende und Abertausende Fotos aus Unterständen und Schützengräben, eine nicht endenwollende Bilderflut zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Deutlich mehr Menschen als all die Waffentaten in vier langen Kriegsjahren, hat die Spanische Grippe aus dem Leben gerissen, die Rede ist von 20, 50 oder gar 100 Millionen Toten. Von diesem großen Sterben gibt es nur wenig Bildmaterial, kaum mehr als ein paar Hundert vergilbte Fotos, die aber unsere Vorstellung von den Grippemonaten anno 1918 illustrieren. Das meiste stammt aus amerikanischen Kameras, wiewohl in Europa mit seinen 2 ½ Millionen Grippetoten mehr als viermal so viele Menschen starben als in den USA. Gewiß steckt noch so manches Bild zur Influenza in vergessenen Alben oder abgestellten Kartons, das helfen könnte unser verschwommenes Bild von der Grippe zu schärfen.

Zu den häufigsten Motiven gehören die endlosen Zeltstädte mit grippekranken Soldaten, so wie die langen Reihen von Särgen auf Friedhöfen rund um den Globus. Viele Bilder zeigen ein exotisches, in ein fernes Gestern entrücktes Dasein. Da desinfiziert einer eifrig mit der Giftspritze die Plattform eines Londoner Autobusses, dort gurgelt einer aus Angst vor der Seuche mit Menthol. Auf zahlreichen Aufnahmen ist die Grippemaske zu sehen, das wohl wichtigste Symbolbild der Spanischen Influenza. Rotkreuzschwestern an den Tragbahren haben sie umgebunden, genauso Ärzte am Krankenbett, Typistinnen über der Schreibmaschine, Herrenfriseure im Salon. Selbst die Marschkolonnen im Gleichschritt sind mit dem Bakterienfänger aus Gaze bestückt. Freilich nicht in Deutschland, wo der Atemschutz kaum eine Rolle spielt, eher schon in der Schweiz, in Frankreich und vollends in den USA. Eine der amerikanischen Aufnahmen zeigt die blitzblanke Krankenstation im Marinespital von Kalifornien, darin ein steriler, weißgetünchter Raum, moderne weiße Eisenbetten und medizinisches Personal in sauberen weißen Kitteln und Masken. Auf einem anderen Foto die Abbildung eines k. u. k. Feldspitals. Auch hier tragen die Ärzte weiß, wenn auch keine Maske vor dem Gesicht, auch hier ist der Raum sauber, aber das biedere Holzmobiliar und der historisierende Duktus der Einrichtung vermitteln die Atmosphäre einer rückständigen Welt. Im Zustand ihrer militärischen Krankensäle spiegeln sich die Krise der europäischen wie der Aufstieg der amerikanischen Epoche.

Der ikonographische Fundus umfaßt zahlreiche Bilder von Ärzten, die an den Betten fiebernder Patienten stehen, mit der Impfspritze hantieren oder gespannt in Mikroskope starren, wo mitunter der rätselhafte Pfeiffer’sche Bazillus auftaucht, nach damaliger Ansicht der Verursacher der Seuche. Zum Bildbestand gehören auch die Karikaturen, Inserate, Werbeeinschaltungen und Parteanzeigen, die tausendfach in Tagblättern und Zeitschriften abgedruckt werden. Mitte Oktober 1918, als die Grippe ihrem Höhepunkt zustrebt, da werden Leichenzüge und Begräbnisszenen zum alltäglichen Fotomotiv. Etwa jener vielfach reproduzierte, mit einer englischen Fahne bedeckte Sarg in Dover, der auf einer hölzernen Lafette zum Friedhof gezogen wird. Eine wertvolle Gripperarität bewahrt auch das Stadtarchiv von Pilsen, ein Foto vom Trauerzug des Prager Baritonsängers Čeněk Klaus, der am 27. September 1918 der Grippe erlegen ist. Ein von vier Schimmeln gezogener Wagen führt den Sarg des jungen Sängers ums Pilsner Stadttheater herum, begleitet von einer vielköpfigen Trauerschar. Weihevoll blasen die Mitglieder des Opernensembles Čeněks Lieblingsarie vom Balkon des Theaters.

Immer noch wütet die Influenza, als im Februar 1920 Gaby Deslys Totenschrein durch die Straßen von Paris geführt wird. Eine eitrige Rippenfellentzündung nach Grippe ist der Revue-Tänzerin und Sängerin zum Verhängnis geworden. Tausende stehen Spalier, um Abschied von der Diva zu nehmen, ehe sie in ihrer Geburtsstadt Marseille neben dem ebenfalls an Influenza gestorbenen Literaten Edmond Rostand zur Ruhe gebettet wird. Wie beim berühmten Sterbebild Egon Schieles verbindet kaum einer die Aufnahmen von Deslys letzter Fahrt mit der Grippe.

Aus der Fülle der Grippebilder greife ich das stärkste heraus: Es ist das Antlitz einer kleinen Italienerin, geboren am 13. Dezember 1918, als das Schlimmste schon überstanden scheint. Noch nicht zwei Jahre alt ist Rosalia Lombardo, als sie am Nikolaustag des Jahres 1920 verlöscht und schließlich einbalsamiert in der Kapuzinergruft zu Palermo bestattet wird. Das Bild von der schlafenden Prinzessin in ihrem Behälter wird zur erschütternden Ikone der Spanischen Grippe, zum Symbol der Millionen Verröchelten und zur „Axt für das gefrorene Meer in uns“: Eine einfache Fotografie nur, die uns schlagartig die millionenfache Tragödie verdeutlicht, die sich hinter den anonymen Grippestatistiken verbirgt.

Pavel Glenda in Junge Freiheit, 12.4.2017

 

Kundenrezensionen auf Amazon

Ein rundum gelungenes Werk

Autor Harald Salfellner ist Mediziner und das merkt in seinem Buch über die Spanische Grippe, jener Pandemie, die zwischen 1918 und 1920 in drei großen Wellen über den Erdball gerast ist und bis zu 100 Millionen Tote gefordert hat.

Der Autor hat einen hohen Aufwand bei seinen Recherchen betrieben und untermauert seine Thesen mit einer Fülle von Zitaten und Bildmaterial. Dabei erklärt er medizinische Gegebenheiten ohne die den Fachleuten oft anhaftende Überheblichkeit in ihr eigenes Wissen. Er erklärt, analysiert und gibt Beispiele.

Der Mediziner Salfellner spricht auch die Hilflosigkeit der Ärzte an. Niemand weiß, woher die tödliche Pandemie wirklich kommt. Spanien ist es nämlich nicht. Der eine oder andere genaue Beobachter entdeckt Zusammenhänge mit Menschenansammlungen, mit der engen Symbiose Vögel – Schweine – Menschen. Wird die Krankheit durch Haustiere verursacht und verbreitet? Es entstehen krude Gerüchte. Eines davon besagt, „den Soldaten fehle der Verkehr mit dem weiblichen Geschlecht, so käme es zum Rückstau pathogener Stoffe.“ S. 58).

Es gibt kein wirksames Heilmittel. Wie auch, man kennt ja die Erreger nicht, nur Bakterien, die ein Vielfaches größer als Viren sind. Das ruft natürlich alle möglichen Wunderheiler und Quacksalber auf den Plan. Als entdeckt wird, dass Syphiliskranke nicht oder nur leicht erkranken, nehmen die Menschen Quecksilber haltige Präparate ein und vergiften sich damit. Der „gute, alte“ Aderlass feiert eine fröhliche Renaissance.

Wir erfahren einiges über Einzelschicksale und die Bedeutung dieser Pandemie, die nicht alte oder junge Menschen getötet hat, sondern und vor allem Männer und Frauen zwischen 20 und 40. Was dieser Ausfall einer ganzen Generation bedeutet, die weder eine Familie gründen noch ihren Beitrag zur Volkswirtschaft ihres Landes beitragen konnte, wird ebenfalls angerissen.

Mich persönlich hat die Akribie mit der Salfellner die Archive nach aussagekräftigen Fotos durchstöbert hat, beeindruckt. Es sterben ja nicht nur namenlose Massen, sondern auch bekannte Schauspieler, Dichter wie Edmond Rostand oder Maler Egon Schiele. Auch Woodrow Wilson erkrankt während der Friedensverhandlungen zum Ersten Weltkrieg an der Spanischen Grippe. So gibt es die gewagte (?) Hypothese, dass er geschwächt durch die Krankheit, seine maßvollen Bedingungen für einen Friedenschluss mit den Mittelmächten, dem französischen Premier Clemenceau nicht durchsetzen konnte.

Fazit: Ein rundum gelungenes Werk, dass sich durch die sorgfältige Recherchearbeit auszeichnet. Dafür vergebe ich eine unbedingte Leseempfehlung und 5 Sterne.

Bellis-Perennis am 13. Februar 2018

 

Die eindrucksvolle Bild- und Textbiographie einer vergessenen Seuche

Harald Salfellner schöpft in seiner Dokumentation der Spanischen Grippe aus dem Vollen: Der Medizinhistoriker stellt dem Leser fundiert die Geschichte einer Pandemie gewaltigen Ausmaßes vor Augen.

Dass es dem Fachmann gelungen ist, die komplexe Materie auch für den Laien anschaulich und mit durchaus literarischem Anspruch aufzubereiten, ist ein großes Verdienst. Immer wieder herausgehobene und beleuchtete Einzelschicksale sowie die vielen mit leichter Hand eingeflochtenen kultur- und zeithistorischen Bezüge lassen sein Buch wie den Roman einer Pandemie lesen.
Ein vielleicht noch größeres Verdienst jedoch ist die Menge der zusammengetragenen historischen Bilddokumenten, die dem Text in einem gefälligen Layout beigefügt wurden. Auch historisch gebildete und archiverfahrene Leser dürfte solches Bildmaterial in Staunen versetzen, und die Zusammenschau alleine hätte die Veröffentlichung als Bildbiographie rechtfertigt.

Ein rundum gelungenes Werk, dass sich durch die sorgfältige Recherchearbeit wohltuend von vielen Arbeiten mit journalistischem Anspruch abhebt.

Herr_Cech am 10. Februar 2018

 

Ein faszinierendes Buch

Ich habe dieses Buch in einem Zug verschlungen, wie einen Roman. Dazu keine Seite ohne Bilder, allein das Durchblättern ist spannend. Viele Angaben gibt es auch zu Deutschland, Österreich und der Schweiz, die man etwa bei Wikipedia überhaupt nicht findet. Sehr interessant fand ich die Beschreibungen der Krankheitsfälle aus der Grippezeit und das Kapitel "Vom Rüstzeug der Ärzte". Dieses erklärt sehr schön, welche Möglichkeiten die damaligen Ärzte hatten, die Grippekranken zu behandeln und auch welche Medikamente es damals schon gab. So etwas habe ich in keinem anderen Buch über die Spanische Grippe bisher gelesen. Wußte nicht, daß Medizingeschichte so spannend sein kann.

Sabine am 14. Februar 2018

 

Ärzte Woche Nr. 14, 05. April 2018

Spanisch sterben

Das Buch gehört zu jenen, die man gerne in Händen hält, weil die Hochglanzseiten den Fingerkuppen schmeicheln. Aber nicht nur haptisch imponiert das insbesondere für Laien verfasste Sachbuch, auch visuell überzeugt das Werk des Grazers Mediziners Harald Salfellner. Die farbigen Abbildungen sind kein Sammelsurium der üblichen Bilder, die man in jedem zweiten Buch über die Spanische Grippe findet. Gleiches gilt für den Text, der mannigfaltig die Auswirkungen der Pandemie auf alle Bevölkerungsteile, vor allem in Mitteleuropa, beschreibt.

Raoul Mazhar

 

Ärzte Woche Nr. 14, 05. April 2018

Zwetschgen gegen die Grippe

Pandemie. Mindestens 25 Millionen Menschen starben von 1918 bis 1920 weltweit an der Spanischen Grippe. Der damals allgegenwärtige Ärzte- und Arzneimittelmangel trieb mitunter seltsame Blüten.

Als im Sommer und Herbst 1918 die Spanische Grippe durch unsere Breiten fegte, befand sich das Gesundheitswesen der österreichisch-ungarischen Monarchie in einem Ausnahmezustand, der sich nicht zuletzt in einem drastischen Ärztemangel niederschlug. Zahlreiche pensionierte Mediziner waren reaktiviert worden, um die Versorgung im zivilen Bereich einigermaßen aufrechtzuerhalten. Durch die militärischen Erfordernisse war auch die Struktur der Ärzteschaft stark beeinträchtigt. Fachärzte und Spezialisten, kaum erfahren in der Allgemeinpraxis, mussten die medizinische Basisversorgung übernehmen.

Zahnärzte studierten den Urin, Psychiater rissen Zähne, und Internisten beobachteten den Geisteszustand, wie es überspitzt im Prager Tagblatt hieß. Kriegsdoktoren, oft frisch vom Hörsaal an die Front abkommandiert, wurden im Herbst 1918 als Infektionsärzte gegen die Spanische Grippe eingesetzt.

Auch den Ärzten im Hinterland wurde geradezu Übermenschliches abverlangt: Wer als alter, gebeugter, frierender, hungernder Praktiker noch aushielt, für den waren täglich 150 Ordinationen und bis zu 60 Visiten keine Seltenheit. Selbstverständlich zu Fuß, denn Autos waren längst Mangelware.

Rizinusöl und Quecksilber

Die jungen Kollegen, die ab November von der Front zurückströmten, brachten zunächst nicht die ersehnte Entspannung: Sie hatten zwar reichlich Erfahrungen mit Amputationen, Schussverletzungen und dem Dienstreglement, kaum aber Kenntnisse in der zivilen Praxis. Mit Rizinusöl oder dem Quecksilberpräparat Kalomel, berüchtigte Allheillaxativa der Militärmediziner, war in der zivilen Grippetherapie jedenfalls kein Lorbeer zu gewinnen.

Die allgemeine Mangelsituation betraf auch die Versorgung mit Arzneimitteln. Nachdrücklich ersuchte der österreichische Gesundheitsminister Ivan Horbaczewski im September und Oktober 1918 die deutsche Reichsregierung um Aspirin-Lieferungen. Was kam, war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zudem durften die Apotheker wegen der befürchteten Hamsterei sowie des allgegenwärtigen Schleichhandels nur geringe Mengen im Handverkauf abgeben. So mussten viele, besonders Kassenpatienten, die Influenza praktisch ohne Heilmittel überstehen.

Kein Wunder, dass Betroffene oft Zuflucht bei nichtmedikamentösen Heilmethoden suchten. Neben diätetischen Maßnahmen (Knoblauch, Rote-Rüben-Salat, sogar Zwetschgenkuchen) wurden trockene Wärme, Heißluftbäder, kalte Umschläge und Priesnitzbinden empfohlen, dazu Teespezialitäten von Kamille bis Salbei, die den „wohltätigen Schweiß“ hervorrufen sollten. Homöopathen streuten ihre Heilsversprechen aus, geriebene Händler offerierten Cognac, Rum und Sliwowitz gegen die Spanische Grippe. Doch das Sterben im großen Maßstab, das im Herbst 1918 einsetzte, ließ sich weder durch Hausmittelchen aufhalten noch mit dem Behandlungsregime der vertrauten Saisongrippe. Die Menschenverluste stiegen Tag für Tag, gingen bald in die Tausende. Es war die Zeit, als die Leichenwagen die Gassen durchfuhren und Straßenbahnen Särge transportierten.

Kampfer und Eukalyptus

In den Verlautbarungen der Gesundheitsbehörden, die um Schulschließungen und Hygienemaßnahmen kreisten, blieb das Thema Behandlung ausgespart. Was hätte man den Kollegen auch sagen sollen, wo man doch keine spezifische Prophylaxe wusste! So hilflos jedoch, wie in manchen vorschnellen Urteilen über die Medizin anno 1918 behauptet, war die vor schwerste Aufgaben gestellte Ärzteschaft gewiss nicht. Immerhin gebot sie über eine breite Palette hilfreicher Medikamente wie etwa Hustenmittel vom Ipecacuanha-Pulver über das damals stark beworbene Pertussin bis zum Kodein oder Expektorantien vom Eukalyptusöl über Kampferbenzoe bis zum Pyrenol, einem Cocktail aus Benzoesäure, Salizylsäure und Thymol.

Natürlich steckten die seit der Jahrhundertwende verbreiteten neueren Antipyretika und Analgetika in der Arzttasche, die sowohl gegen die qualvollen Kopfschmerzen als auch gegen das hohe Fieber nützlich waren. Zum Einsatz kamen Antipyrin, Salipyrin, Pyramidon, Antifebrin, Phenacetin, Kalmopyrin, Citrophen und dergleichen mehr – zumindest, wenn die Apotheker liefern konnten.

Zum gefragtesten Medikament der Pandemiezeit avancierte das seit 1899 gehandelte Aspirin, erhältlich in Tablettenform und als lösliches Pulver, empfohlen in einer Dosierung von 1 g zweimal täglich. Wiederholt teilte man mit, dass Acetylsalicylsäure auch ein Spezifikum gegen den Grippeerreger sei. Die Homöopathen dagegen geißelten das Mittel als Verderblichste aller Substanzen. Selbst in einer jüngeren US-Studie wurde vor wenigen Jahren die kühne Vermutung geäußert, die damals übliche Überdosierung von Acetylsalicylaten hätte dem millionenfachen Sterben Vorschub geleistet.

War man auch nicht gerade zimperlich mit den Dosierungen, so war Aspirin bei den oft ins Unerträgliche gesteigerten pleuritischen Schmerzen und exzessiven Neuralgien doch kaum zufriedenstellend – was Wunder, wenn die Ärzte bereitwillig zum Morphium griffen. Auch Heroin, beworben als glänzendes Mittel gegen den starken Hustenreiz bei Bronchitiden und Laryngitiden, wurde erstaunlich blauäugig als Analgetikum verschrieben. Im klinischen Alltag bewährte sich das ab 1909 erhältliche, subkutan injizierbare Pantopon. Dieses weitverbreitete Präparat nach den Vorschlägen des Berner Internisten Hermann Sahli bot sinnigerweise eine Mischung von Opiumalkaloiden im gleichen Verhältnis wie im natürlichen Opium.

Der wohl wichtigste Aufgabenbereich symptomatischer Grippebehandlung betraf die Stärkung des Herzens und die Aufrechterhaltung der Kreislauffunktion, besonders bei den vielen lebensbedrohlichen Pneumonien. Zum Einsatz kamen hauptsächlich Digitalis, Strophanthin, Koffein, Strychnin und regelmäßig Kampfer, das eukalyptusartig riechende Pulver aus Holz und Blättern des Kampferbaumes. Subkutan verabreicht, galt Kampfer als wirkungsvolles Kollapsmittel, für den Hausgebrauch empfahl sich Kampferwein. Mit intramuskulären Kampferdepots, in den Oberschenkel gespritzt, behandelte man Lungenentzündungen durch Pneumokokken.

Gynäkologe empfahl Adrenalin

Ein neuartiges, aber zugleich umstrittenes Therapiekonzept verfolgte der Prager Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe Georg August Wagner. Er hatte in der Landesgebärklinik zahlreiche Schwangere und Wöchnerinnen durch unbeherrschbare Grippepneumonien sterben sehen. In lebensbedrohlichen Fällen entschied er sich zu intramuskulären Adrenalingaben, und schon im Februar 1919 warb eine chemische Fabrik bei Chrudim in Ostböhmen mit entsprechenden Ampullen, hergestellt nach Wagners Angaben. Der Internist Rudolf Jaksch von Wartenhorst, prominenter Ordinarius an der Prager Deutschen Universität, quittierte diese riskanten Experimente mit geharnischtem Tadel.

Kurz nach der Jahrhundertwende hatte sich die inhalative Sauerstofftherapie in der Behandlung der kardio-respiratorischen Insuffizienz bei Pneumonien etabliert. Durch wichtige technische Neuerungen wie das Linde-Verfahren zur Gastrennung sowie die Einführung von Reduktionsventilen war die kontinuierliche und wohldosierte Zufuhr von Oxygenium möglich geworden. Nicht nur in Spitälern und Gebärkliniken, auch in Lazaretten und Feldspitälern wurde 1918 zyanotischen und dyspnoischen Grippe- und Pneumoniepatienten reiner Sauerstoff insuffliert, wobei die Wärter die O 2-Flaschen unter den Röchelnden reihumgehen ließen. Vorübergehend normalisierten sich Puls- und Atemfrequenz, doch sobald die schon gewohnte Sauerstoffflasche leer war, schlug die Euphorie in qualvolle Entzugserscheinungen um. Mochte durch die „Lebensluft“ auch ein Gefühl der Erleichterung eingetreten sein, das Schicksal der Sterbenden blieb letztlich unbeeinflusst. Der Mangel an verfügbarem Gerät setzte dieser adjuvanten Therapie jedenfalls enge Grenzen.

„Sensationelle Durchbrüche“

Mit Nachdruck suchte man nach spezifisch wirksamen Chemotherapeutika gegen den noch fraglichen Erreger der Grippe sowie die Verursacher der gefürchteten Sekundärpneumonien. Wiederholt berichteten medizinische Fachblätter von „sensationellen Durchbrüchen“, wobei sich die Ergebnisse meist auf viel zu kleine Fallzahlen stützten. So kamen im Verlauf der Pandemie Arzneistoffe wie Sublimat, Jod oder Vioform zu therapeutischen Ehren.

Die Grippekranken waren Versuchskaninchen und Patienten in einem. Sowohl als Chemotherapeutika wie zur Prophylaxe wurden die Chinaalkaloide nach Julius Morgenroth empfohlen. Durch möglichst früh appliziertes Eukupin (ferner Optochin und Vuzin) hoffte man, pneumonische Komplikationen abzuwehren. In fortgeschrittenen Stadien einer Lungenentzündung oder bei septischen Verläufen war damit allerdings kein Erfolg zu verzeichnen. Spezifische Wirksamkeit sagte man auch dem seit 1910 erhältlichen Syphilismedikament Salvarsan (Arsphenamin) bzw. dessen besser verträglichem Nachfolger Neosalvarsan nach. So kostbar war die von Fälschern aus Schlemmkreide und Scheuerpulver nachgemachte Spezialität, dass man sie bis zum Kriegseintritt der USA mit einem eigenen Handels-U-Boot nach Amerika exportierte. Zahlreiche Empfehlungen für Neosalvarsan bei Influenza erschienen jetzt in den Fachmedien. Skeptiker indes hielten von Neosalvarsan in der Grippetherapie gar nichts. Einmal mehr strichen sich die Kliniker ratlos den Bart.

Große Hoffnung setzte man in die Serotherapie, die passive Immunisierung mittels antikörperhaltiger Sera, wie sie sich so segensreich gegen Diphtherie und Tetanus bewährt hatten. Ulrich Friedemann etwa, Nachfolger Robert Kochs am Preußischen Institut für Infektionskrankheiten im Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus, berichtete von überraschenden Wendungen im Krankheitsbild, die er während der Pandemie mittels Serotherapie erzielt hätte. Leider erfüllten sich die mit Auto-, Antistreptokokken-, Rekonvaleszenten-, Pferde- und Diphtheriepferdesera verbundenen Erwartungen in den meisten Fällen nicht.

Anderen pharmakologischen Überlegungen folgte die parenterale Proteinkörperbehandlung, bei der beliebiges artfremdes Eiweiß (z. B. Pferdeserum oder abgekochte Kuhmilch) eingespritzt wurde, um die Lösung bzw. Abstoßung bronchiolitischer Pseudomembranen oder die Verflüssigung eitrigen Sputums zu bewirken.

Kolloidale Silberpräparate

Während der Pandemie waren kolloidale Silberpräparate nach dem Dresdner Chirurgen Benno Credé weit verbreitet, deren bakterizide Wirksamkeit besonders bei Streptokokken- und Staphylokokkenpneumonien hervorgehoben wurde – Arzneimittel wie Collargol, Septargol oder Argochrom. Die tägliche intravenöse Gabe von Elektrargol bei Grippepneumonie empfahl etwa Julius Citron von der II. Medizinischen Klinik der Königlichen Charité in Berlin.

Zu den Exoten der Grippebehandlung gehörte das Kreosot, ein meist aus Buchenholzteer erzeugtes, antiseptisches Destillat. Das dunkelgelbe, rauchig schmeckende Phenolgemisch war der älteren Generation noch wohlbekannt als Husten- und Tuberkulosemittel. Während der Spanischen Grippe wurde Kreosot in Kombination mit Codein und Diacethylmorphin unter dem Handelsnamen Sirup Famel vermarktet. Urotropin (Hexamethylentetramin) kennt man heute in medizinischen Zusammenhängen nur mehr als Wirkstoff gegen übermäßigen Fuß- oder Achselschweiß. Um 1918 hatte das Kondensationsprodukt aus Formaldehyd und Ammoniak jedoch einen weiten Indikationsbereich, besonders als bakterizides Diuretikum in der Urologie. Den Soldaten an den Weltkriegsfronten war die Substanz nicht unbekannt, die sie als brennbares Pulver für die tragbaren Kochapparate im Tornister hatten. Das peroral und intravenös applizierbare Urotropin wurde enthusiastisch als Grippemittel gefeiert. Leider traten auch in diesem Fall Spielverderber auf den Plan, die der Substanz jeden therapeutischen Wert bei Influenza absprachen.

Durch die rasante Dynamik der pandemischen Grippe, die innerhalb weniger Wochen Zehntausende meist junger Menschen aus dem Leben riss, war an ernsthafte experimentelle Schritte oder eingehende Arzneimittelprüfungen gar nicht zu denken, zumal vor dem Hintergrund einer sich auflösenden staatlichen Ordnung. Wegen der weitgehenden Wirkungslosigkeit der mutmaßlichen Spezifika hatte sich die Behandlung im Wesentlichen auf symptomatische Maßnahmen zu beschränken, womit gleichwohl in vielen Fällen geholfen werden konnte. In diesem Zusammenhang ist auch der Beitrag der Chirurgen zu würdigen, die mit Parazentesen bei Grippe-Mittelohrentzündungen intervenierten, mit lebensrettenden Tracheotomien bei stenosierenden Influenza-Laryngitiden oder mit Rippenresektionen in wohl tausenden Fällen von hartnäckigen Pleuraempyemen.

Der Suche nach einem spezifischen Wirkstoff war dagegen kein Erfolg beschieden. Erst nach Jahrzehnten virologischer Grundlagenforschung mündete sie in den 1960er Jahren in die antivirale Therapie. Wegen der mittlerweile eingetretenen Resistenzen in diesem Bereich hat sich jedoch Ernüchterung eingestellt. Das seinerzeit so sehnlich erhoffte Wundermittel gegen die Grippe steht jedenfalls 100 Jahre nach der Pandemie immer noch aus. Auch gegen die häufig tödlichen Begleitpneumonien gab es 1918 kein ursächlich wirksames Mittel. Ihren Schrecken verloren die bakteriellen Lungenentzündungen erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Einführung des Penicillins und weiterer Antibiotika in die ärztliche Praxis.

Mangels zufriedenstellender Therapie suchte man 1918 Zuflucht bei Vorsorgemaßnahmen. Aufgrund der irrigen Annahme einer bakteriellen Ätiologie blieben die Immunisationsversuche ohne Erfolg. Ein pandemischer Impfstoff nach heutigem Verständnis hätte einen Großteil der im Herbst 1918 und danach erkrankten Personen schützen können. Welchen Nutzen die mancherorts vorgenommenen Immunisierungen gegen die bakteriellen Begleiterreger brachten, ist nicht klar ersichtlich.

Inneres Ertrinken

Zwar verfügte die Ärzteschaft 1918 bis 1920 über eine Reihe symptomatisch wirksamer Arzneien, nicht aber über das erhoffte Spezifikum gegen die Spanische Grippe und ihre Komplikationen. So war ein fatales Ende allzu oft unvermeidlich: Bei klarem Bewusstsein verfolgten die unter qualvoller Atemnot leidenden Moribunden die Rettungsversuche der Ärzte, ehe sie schließlich mit Entsetzen das bevorstehende Ende erkannten.

Zu hunderten und tausenden wurden die Grippeopfer in die Sektionssäle gebracht, wo sich bei den Obduktionen regelmäßig ausgeprägte hämorrhagische Lungenödeme fanden. Immer wieder sprachen die Prosektoren von einer Art inneren Ertrinkens. Die Beiträge der Pathologen, denen in der Erforschung der rätselhaften Krankheit eine Schlüsselrolle zufiel, dominierten lange Zeit das wissenschaftliche Schrifttum zur Pandemie. Womit man der Spanischen Grippe hätte Einhalt gebieten können, wussten jedoch auch sie nicht zu sagen.

Harald Salfellner

 

Ärzte Woche, Februar 2018

 

Ergo, Februar 2018

 

Sudetenland, Februar 2018

 

Hamburger Ärzteblatt, April 2018

 

Mabuse, April 2018

 

OÖNachrichten, 14. Mai 2018

 

Swiss Dental Journal, Mai 2018

 

Wehrmedizinische Monatschrift, Mai 2018

 

CO.med, August 2018

 

Echo, September 2018

 

Pharmazeutische Zeitung, September 2018

 

Ärzteblatt Mecklenburg-Vorpommern, Oktober 2018